Ganz ohne Palast-Orchester, nur begleitet von Christoph Israel am Klavier, zelebriert Max Raabe auf seinem ersten Soloalbum einen wehmütig melancholischen Liederzyklus aus der Endphase der Weimarer Republik. So verhilft er fast schon vergessenen Meisterwerken wie "Ein Lied geht um die Welt" oder "Wenn der Wind weht über das Meer" von den Comedian Harmonists zu verdienter Aufmerksamkeit. Letzterem Lied, das sicher zu den nachdenklicheren Stücken im Repertoire der berühmten Gesangstruppe zählte, ist der Titel dieses Albums entlehnt, das denn auch mit einer gehörigen Portion Fernweh und Melancholie aufwartet. Aufgenommen wurde es im renommierten Osloer Rainbow-Studio vom Tonmeister Jan Erik Kongshaug, der seit Jahrzehnten für ECM arbeitet.
Raabe zollt mit diesen 15 Liedern - viele davon aus erfolgreichen Filmen - einer Zeit Anfang der Dreißiger Tribut, als die ausgelassene Vergnügungssucht der verrückten 20er-Jahre einer traurigen Ernüchterung zu weichen begann, weil die Nazis immer unverhohlener zur Machtergreifung drängten. Den jüdischen Komponisten und Textdichter dieser 15 Lieder muss ihre unmittelbare Zukunft immer bedrohlicher und unsicherer erschienen sein, und so klingen in ihren Werken neben Sprachwitz und Romantik auch Wehmut und Traurigkeit an - und immer wieder das Motiv vom Weggehen ("Lebe wohl, gute Reise", "Ohne Worte lass uns scheiden") und Ankommen ("Ganz dahinten wo der Leuchtturm steht").
Max Raabes große Kunst liegt nicht allein darin, dass er - in Stimme, Gestus und Habitus perfekt - als Zeitreisender aus dem Jahr 1932 im Studio und auf der Bühne zu stehen scheint. Sie zeigt sich auch darin, wie er dieses Programm zusammengestellt hat, so dass es die skizzierten ernsten Zusammenhänge verdeutlicht und dabei dennoch auf hohem Niveau unterhaltsam ist.
Es liegt in der Natur der Sache, dass sich "Übers Meer" nicht so einfach konsumieren lässt wie Raabes Aufnahmen mit dem Palast-Orchester. Die kargen Arrangements dieser 15 Lieder, in denen sich Israels Klavierspiel um Raabes Stimme rankt, sie stützt und komplementiert, sind der Materie angemessen, haben aber naturgemäß mehr den Charakter eines klassischen Liederabends denn einer Ballhaus-Sause. In all ihren Nuancen richtig ausloten wird man diese Lieder erst können, wenn Raabe sie ab 11. April live präsentiert. Man muss den Mann halt dabei beobachten können, wie er steif am Mikrofon steht und beim Singen jede Silbe im Mund zergehen lässt, bevor er sie mit perfekter Artikulation auf die Reise schickt. Dieser Schluss drängte sich schon am 9. Juli 2009 bei der Fernsehgala zum 75. Geburtstag von Alfred Biolek auf, als er den Opener "Weißt du, was du kannst" vorstellte.
Manfred Gillig-Degrave
Ganz ohne Palast-Orchester, nur begleitet von Christoph Israel am Klavier, zelebriert Max Raabe auf seinem ersten Soloalbum einen wehmütig melancholischen Liederzyklus aus der Endphase der Weimarer Republik. So verhilft er fast schon vergessenen Meisterwerken wie "Ein Lied geht um die Welt" oder "Wenn der Wind weht über das Meer" von den Comedian Harmonists zu verdienter Aufmerksamkeit. Letzterem Lied, das sicher zu den nachdenklicheren Stücken im Repertoire der berühmten Gesangstruppe zählte, ist der Titel dieses Albums entlehnt, das denn auch mit einer gehörigen Portion Fernweh und Melancholie aufwartet. Aufgenommen wurde es im renommierten Osloer Rainbow-Studio vom Tonmeister Jan Erik Kongshaug, der seit Jahrzehnten für ECM arbeitet.
Raabe zollt mit diesen 15 Liedern - viele davon aus erfolgreichen Filmen - einer Zeit Anfang der Dreißiger Tribut, als die ausgelassene Vergnügungssucht der verrückten 20er-Jahre einer traurigen Ernüchterung zu weichen begann, weil die Nazis immer unverhohlener zur Machtergreifung drängten. Den jüdischen Komponisten und Textdichter dieser 15 Lieder muss ihre unmittelbare Zukunft immer bedrohlicher und unsicherer erschienen sein, und so klingen in ihren Werken neben Sprachwitz und Romantik auch Wehmut und Traurigkeit an - und immer wieder das Motiv vom Weggehen ("Lebe wohl, gute Reise", "Ohne Worte lass uns scheiden") und Ankommen ("Ganz dahinten wo der Leuchtturm steht").
Max Raabes große Kunst liegt nicht allein darin, dass er - in Stimme, Gestus und Habitus perfekt - als Zeitreisender aus dem Jahr 1932 im Studio und auf der Bühne zu stehen scheint. Sie zeigt sich auch darin, wie er dieses Programm zusammengestellt hat, so dass es die skizzierten ernsten Zusammenhänge verdeutlicht und dabei dennoch auf hohem Niveau unterhaltsam ist.
Es liegt in der Natur der Sache, dass sich "Übers Meer" nicht so einfach konsumieren lässt wie Raabes Aufnahmen mit dem Palast-Orchester. Die kargen Arrangements dieser 15 Lieder, in denen sich Israels Klavierspiel um Raabes Stimme rankt, sie stützt und komplementiert, sind der Materie angemessen, haben aber naturgemäß mehr den Charakter eines klassischen Liederabends denn einer Ballhaus-Sause. In all ihren Nuancen richtig ausloten wird man diese Lieder erst können, wenn Raabe sie ab 11. April live präsentiert. Man muss den Mann halt dabei beobachten können, wie er steif am Mikrofon steht und beim Singen jede Silbe im Mund zergehen lässt, bevor er sie mit perfekter Artikulation auf die Reise schickt. Dieser Schluss drängte sich schon am 9. Juli 2009 bei der Fernsehgala zum 75. Geburtstag von Alfred Biolek auf, als er den Opener "Weißt du, was du kannst" vorstellte.
Manfred Gillig-Degrave