Wer hat sich nicht schon mal ans andere Ende der Welt gewünscht, nachdem er grenzenlos von seiner Mutter blamiert wurde? Dieses universelle Thema greift Regisseur Wayne Wang ("Smoke") in seinem detaillierten Mutter/Tochter-Beziehungsporträt "Anywhere But Here" auf. Susan "Stepmom" Sarandon mimt Natalie Portmans ("Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung") unkonventionelle und klammernde Mutter, die einer kleinen Stadt im Mittleren Westen entflieht und sich im sonnigen Beverly Hills für die beiden ein neues, aufregenderes Leben erhofft.
Das Drehbuch wurde vom zweifachen Oscar-Preisträger Alvin Sargent ("Eine ganz normale Familie") anhand des gleichnamigen Bestsellerromans von Mona Simpson aus dem Jahr 1986 verfaßt. Die Handlung ist nicht allzu ereignisreich, vielmehr wird aus zahlreichen Vignetten ein klares Bild über die Dynamik der Beziehung zwischen Mutter und Kind gezeichnet. Der Clou ist, daß Sargent und Wang die klassischen Rollen vertauscht haben: Die vierzehnjährige Tochter Ann ist erwachsen und verantwortungsbewußt, während ihre freihheitsliebende und abenteuerlustige Mutter das genaue Gegenstück zu ihr darstellt. Doch ähnlich wie in "Grüße aus Hollywood" mit Meryl Streep und Shirley MacLaine verbindet sie eine tiefe Liebe, auch wenn sie auf Seiten der dominanten Tochter droht, bei ihren regelmäßigen Auseinandersetzungen manchmal in Haßliebe umzuschlagen. Bekanntschaft mit Adele und Ann August macht der Zuschauer während ihrer Autofahrt durch die Landschaft des Südwestens, die gerade aufgrund der Beteiligung von Sarandon Erinnerungen an "Thelma & Louise" weckt. Ann ist todtraurig, da sie von ihrer Mutter aus ihrem sicheren Familienschoß mit Großmutter, liebenden Stiefvater und geliebten Cousin (Shawn Hatosy aus "Faculty") gerissen worden ist. In Beverly Hills angekommen, reichen ihre Finanzen lediglich für ein schäbiges Apartment. Des öfteren kommt es vor, daß die als Lehrerin tätige Adele vergißt, die Stromrechnungen zu bezahlen und auch sonst den Anforderungen des Erwachsenenlebens nicht immer gewachsen ist. Ihre Traumvorstellungen müßten eigentlich der harten Realität weichen, doch Adele ist eine Frau großer Gesten, die ihre Tochter mit ihrer Realitätsferne wütend macht. Aber wenn es hart auf hart kommt, steht Ann hundertprozentig zu ihrer Mutter.
Mit einer Reihe von prägnanten Szenen, die mehr aussagen als eine Menge Worte, werden die beiden Protagonisten charakterisiert. Beide Schauspielerinnen liefern absolute Glanzleistungen, die durchaus mit Oscar-Nominierungen belohnt werden könnten. Ein Verdienst von Regisseur Wang, der es, wie gewohnt, perfekt versteht, die psychologischen Hintergründe menschlicher Beziehungen prägnant zu entschlüsseln. ara.
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