Ein Kinowunder: Der Algerier Tony Gatlif hat ein Meisterwerk der Poesie geschaffen, das zugleich so authentisch wirkt wie ein Dokumentarfilm. Nichts sieht in diesem zauberhaften Zigeuner-Porträt konstruiert aus, jede Szene ergibt sich wie selbstverständlich aus der vorigen und die Bilder sind trotz ihrer Schlichtheit von ergreifender Schönheit. In seinen besten Momenten erhebt sich "Gadjo Dilo" zur Metapher eines Lebens ohne Zwänge, eines Lebens, das sich einzig der Spontaneität der Gefühle verpflichtet fühlt.
"Gadjo Dilo", das bedeutet in der Sprache der Zigeuner sinngemäß "verrückter Fremder". Eben ein solcher, Stéphane (charismatischer Beau: Romain Duris), steht im Mittelpunkt der spärlichen Handlung, die, getragen von vielen Laiendarstellern, ausschließlich an Originalschauplätzen in der Steppe südlich von Bukarest spielt. Auf der Suche nach der geheimnisvollen Sängerin Nora Luca, deren Lieder sein Vater auf dem Sterbebett gehört hatte, zieht es den jungen Franzosen mitten im Winter in die karge Dobrudscha. Zu Fuß unterwegs und zu dünn gekleidet kann er sich nachts gerade noch in ein Dorf schleppen, begegnet dort dem alten Zigeuner Isidor (Izidor Serban) und findet sich am nächsten Morgen in dessen Hütte wieder. Von den Einheimischen zuerst wie ein Außerirdischer bestaunt und dann wie ein Aussätziger beschimpft, hat Stéphane es schwer, von der Dorfgemeinschaft anerkannt zu werden. Doch mit Hilfe seines väterlichen Mentors Izidor schafft er es, steigt in der Zigeunersiedlung gar zu einer Führungsfigur auf und findet schließlich die Liebe seines Lebens.
Eine kleine Geschichte fürwahr, doch der Plot ist in "Gadjo Dilo" zweitrangig. Tony Gatlif, der selbst von Zigeunern abstammt, hat den Parias unserer Tage seine Reverenz erwiesen - ihrer ungeheuren Lebenslust, ihrem phänomenalen Widerstandsgeist und vor allem ihrer tieftraurigen, unglaublich bewegenden Musik. "Gadjo Dilo" - nach "Die Prinzen" und "Latcho Drom" der Abschluß von Gatlifs Zigeuner-Trilogie - kann durchaus als parabelhafter Gegenwelt-Entwurf zum durchrationalisierten Westen verstanden werden, doch zu fehlerlosen Übermenschen sind die dörflichen Hauptfiguren deshalb nicht stilisiert. Ihre cholerischen Ausbrüche zeigt der Regisseur ebenso wie überkommene Moralvorstellungen und patriarchalische Sippenstrukturen. Die einzige, die aus dem engen Kreis dieser festen Regeln ausbricht, ist Sabina (großartig: Neuentdeckung Rona Hartner), die ihren Mann verlassen hat und deswegen von der Dorfgemeinschaft als Hure gemieden wird. Die Liebesgeschichte, die sich zwischen ihr und Stéphane entwickelt, wird von der Kamera in so einfühlsamen und behutsamen Bildern eingefangen, daß sich bei einer entsprechend gelenkten Marketing-Kampagne auch ein größeres Publikum angesprochen fühlen könnte als das zahlenmäßig eng begrenzte Ethno-Klientel, das für diesen engagierten Außenseiter-Film hauptsächlich Interesse zeigen dürfte. lasso.
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