Kompromissloser Zweiter-Weltkriegs-Actionfilm รผber die fรผnfkรถpfige Mannschaft eines amerikanischen Panzers in den letzten Tagen des Kriegs.
Hitler hat den totalen Krieg ausgerufen, von der SS aufgeknรผpfte vermeintliche Landesverrรคter sรคumen den Straรenrand, tรถdliche Gefahr lauert hinter jeder Ecke in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, in denen fรผr Deutschland alles lรคngst verloren ist, die Fรผhrung sich aber entschlossen zeigt, sein Volk bis zum letzten Mann aufzureiben: Sicher, "Herz aus Stahl" ist ein Kriegsfilm durch und durch, aber das Szenario, das David Ayer, gefeierter Drehbuchautor ("Training Day") und seit "End Watch" auch respektierter Filmemacher mit Gespรผr fรผr dramaturgische รberhรถhung in hรถchst realistischen Kulissen, fรผr seinen bislang aufwรคndigsten Film als Filmemacher gewรคhlt hat, ist eines Horrorfilms wรผrdig. Und jedenfalls reizvoll genug fรผr Brad Pitt, fรผnf Jahre nach "Inglourious Basterds" noch einmal zurรผckzukehren in den letzten gerechten Krieg, in einer Rolle, die der des Nazikillers Aldo Raine aus Tarantinos Men-on-a-Mission-Films zwar nicht unรคhnlich ist, aber doch durch ihren ganz anderen Ansatz spannend ist: "Wardaddy" nennen seine Mรคnner diesen Don Collier, einen mit allen Wassern gewaschenen Kommandanten eines zynisch "Fury" getauften Sherman-M4-Panzers, der kurz vor dem sicheren Gewinn des Kriegs wie viele aussehen mag, nur nicht wie ein Sieger.
In Afrika hat er gekรคmpft, in Italien, der Normandie und nun mittlerweile auf Boden des sich erbittert wรคhrenden Feindes. "Herz aus Stahl" erzรคhlt wie kein Hollywood-Film vor ihm von der Entmenschlichung der Soldaten, die lรคngst verinnerlicht haben, dass man fressen muss oder gefressen wird: Die Mรคnner um "Wardaddy" sind Killer, der brutale Sรผdstaatler Coon-Ass, gespielt von "Walking Dead"-Star Jon Bernthal, der glรคubige Bible, von Shia LeBeouf ohne Anflug von Mรคtzchen dargestellt, und der Latino Gordo, von Ayer-Regular Michael Peรฑa gewohnt bodenstรคndig gezeichnet. Zu ihnen gesellt sich nach dem Tod eines Kollegen als Grรผnschnabel der Schreibtischtรคter Norman Ellison, der "Drei Musketiere"-D'Artagnan Logan Lerman den Nachwuchsstar abschรผtteln lรคsst: Seine Unerfahrenheit und Angst bei der folgenden Mission der Panzer-Division ermรถglicht dem Publikum den Zugang in eine schockierende Welt, die fรผnf Mรคnner auf so engen Raum zwรคngt, dass die greifbare Klaustrophobie in "Das Boot" im Vergleich befreiend wirkt. Die Personenkonstellation erinnert an "Der Soldat James Ryan", aber Ayers Irrfahrt ins Herz der Finsternis, der stรคndigen kรคmpferischen Konflikte, der abgetrennten Gliedmaรen und platzenden Kรถpfe, der wie Laserstrahlen durch das triste Braun-Grรผn der Landschaft zuckenden Lenkraketen, ist viel kompromissloser, ein Blick in die Zeit nach der Menschlichkeit - desillusioniert und verbittert, wie es "Steiner - Das eiserne Kreuz" und "The Big Red One" gewesen waren.
Ein Zweikampf mit einem รผbermรคchtigen deutschen Tank ist mit groรer Kunstfertigkeit inszeniert wie eine Seeschlacht, der Showdown auf einer Landstraรe in der Nacht erinnert an "Zulu" oder "Black Hawk Down". Und mittendrin, im Herzen von "Herz aus Stahl", ist eine lange, lange Szene ohne jede Action. Und doch ist sie Dreh- und Angelpunkt des Geschehens: In eine eingenommenen Stadt platzen Pitt und Lerman in die Wohnung zweier junger deutscher Frauen, gespielt von Anamaria Marinca aus "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" und Alicia von Rittberg aus "Barbara". Ohne viel Hintergrundinformation รผber die beiden Mรคnner preiszugeben, erzรคhlt der Film mit Blicken und Gesten alles, was man รผber die Figuren und den Preis, der fรผr den Krieg zu zahlen ist, wissen muss und setzt damit alles vorher Gezeigte, die eiskalte Ermordung von SS-Offizieren, die barbarische Entschlossenheit, in einen neuen Zusammenhang. Ein groรer Kriegsfilm ist David Ayer gelungen, in der Tradition der Hardboiled-Soldatenfilme aus der Nachkriegszeit, "Zur Hรถlle und zurรผck" von Jesse Hibbs, "Ardennen 44" von Robert Aldrich oder "Kesselschlacht" von William Wellman, aber doch modern und packend und so knallhart, dass selbst Brad Pitts Gesicht zur Fratze verzerrt scheint.
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