Autorenporträt
Hartmut Binder über die Prager Cafés. Als der „Caféhausliterat“ Anton Kuh 1938 auf dem Wiener Westbahnhof den Zug ins Exil bestieg, wurde er von den zurückbleibenden Freunden gefragt, was er denn um Gottes Willen in Amerika anstellen wolle. „Schnorrer braucht man überall!“ rief Kuh und entschwand. Das war der pointierte Nachruf auf die Wiener und die Prager Caféhauskultur.
Wie nachhaltig die Prager Caféhäuser den ‘commerce’ der Kultur, die ästhetischen Debatten, nationalistischen Polemiken und Geschmackspräferenzen beförderten, kann man in dem opulent ausgestatteten Band des Kafka- und Pragforschers Hartmut Binder nachlesen. Neben großformatigen Abbildungen – Binder verwendet nur historische Dokumente – tauchen in den Marginalspalten beredte Fundstücke auf.
Die Geräumigkeit und die (gelegentlich zerschlissene) Pracht der Einrichtungen ist überwältigend – heute können wir sie nur noch an wenigen Orten, wie der großen pariserischen „Kavárna“ des ehmaligen „Repräsentationshauses“ nächst dem Pulverturm bewundern. Diese Räume erzählen von der exklusiven Offenheit und Öffentlichkeit dieser verschwundenen Welt, deren Viktualien Kaffee, Tinte und Druckerschwärze waren. Binder gelingt es, das Kontinuum der Vielfalt vor uns aufzuschlagen – so erscheinen diese Caféhäuser und Cabarets und Bordelle wie ein Theater, das immer neue Guckkastenbühnen hervorzaubert: mit wechselndem Dekor, somnambul oder noktambul, betrieben von emsigen Statisten und wachen Inspizienten und grundiert von einem Fließtext, der unvorhersehbar sich zu Literatur, Strichzeichnung oder Melodie verdichtete. Die Schriftsteller, Künstler und Habitués hatten darin den ihnen zugewiesenen Platz und Rang für lärmende Auftritte – und Abgänge. Staunend und ein wenig sehnsüchtig sehen wir auf diese ferne Prager Welt zurück, und fast geht es uns wie Kafka, der einmal eine schöne Stunde in der „Gartenlaube“ von 1863 geblättert hatte und zu seiner Verwunderung eines „alten, ans Herz gehenden, wartenden Deutschland“ gewahr wurde.
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“, am 12. Dezember 2000
Wo Franz Kafka manchmal seine Ruhe fand
Die beträchtliche Bedeutung des Kaffeehauses für die Wiener Schriftsteller der Moderne ist häufiger beschrieben worden, und wenn an diesen gastlichen Orten wohl auch nicht direkt Bücher entstanden sind – das gilt eher für die Theaterkritik –, so war die dort herrschende Geselligkeit doch ein nicht unbedeutender Teil des Literaturbetriebs. Was für Wien gilt, lässt sich auch für das gar nicht so ferne Prag sagen, wo sich die Autoren um Franz Kafka und Max Brod, die man aus der historischen Distanz gern als „Prager Kreis“ bezeichnet, regelmäßig in Cafés trafen, vorzugsweise im „Arco“, weshalb man sie scherzhaft die „Arconauten“ genannt hat.
Der Verfasser der Romanfragmente „Der Prozeß“ und „Das Schloß“ verbrachte in solchen Etablissements jedenfalls ganze Abende, las dort „alles mögliche“ in sich hinein, wie er 1913 seiner Verlobten Felice Bauer mit dem typischen orthographischen Fehler schrieb, oder fand dort den „ersten ruhigen Platz“ des Tages, wovon er seinem blinden Kollegen Oskar Baum brieflich berichtete. Solche Zeugnisse des Dichters und seiner schreibenden Zeitgenossen hat der Kafka-Forscher Hartmut Binder liebevoll in seinem neuen Band „Wo Kafka und seine Freunde zu Gast waren“ zusammengetragen und dazu die passenden Bilddokumente gestellt.
Da wird etwa das 1902 eröffnete Café Louvre in der Ferdinandstraße mit Annonce und Werbepostkarte, Aufnahmen der Innenräume und einer Außenansicht vorgeführt. Noch interessanter sind zwei Schreiben mit dem Briefkopf des Kaffeehauses, die von Max Brod und dem einflussreichen Journalisten Arne Laurin stammen. Sie belegen, dass die Prager Autoren die Cafés der Stadt gewissermaßen auch als Büro genutzt haben, dort ihre Korrespondenz erledigten und wohl auch Post empfingen, sich anrufen ließen und Besucher empfingen. Die Kaffeehäuser, das wird an vielen Stellen des Bandes deutlich, standen für Kafka, seine Freunde und das buntscheckige Völkchen der Schreibenden überhaupt im Mittelpunkt ihres Lebens.
Das nobel aufgemachte Buch mit seinen zahlreichen historischen Aufnahmen, unter denen sich auch manche Kuriosität befindet, zeugt von der enormen Sammellust des Verfassers ebenso wie von seinem Bestreben, auch zunächst abseitig erscheinende Bereiche für die Kafka-Forschung fruchtbar zu machen und zugleich in einen interessanten Bereich der neueren Kulturgeschichte hineinzuleuchten. Dass es sich dabei um ein weitgehend abgeschlossenes Kapitel handelt, weil nämlich nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Prag am 15. März 1939 die dortige Kaffeehauskultur ziemlich abrupt endete, macht den etwas wehmütig stimmenden Charme dieser Dokumentation aus.
Man wird Binder, der mit seinem zweibändigen „Kafka-Handbuch“ und vielen einschlägigen Studien Erhebliches zur Kenntnis der deutschsprachigen Literatur in Prag beigetragen hat, nicht in alle Winkel und Ecken seiner umfassenden Recherche folgen mögen und gelegentlich auch finden, dass er der Akribie den Vorzug vor dem, was interessant ist, gegeben hat.
Wer sich aber künftig mit dem nicht unwichtigen Alltagsleben der Prager Autoren – natürlich auch der tschechischen unter ihnen – beschäftigen will, wird auf diesen Band nicht verzichten können. Der Forscher wäre noch etwas froher über dieses Buch, wenn er es mit Hilfe eines Registers aufschließen könnte, aber leider gibt es nur einen umfangreichen Anmerkungsteil und Bildnachweise.
Peter Engel für die „Deutsche Presseagentur“, im November 2000
Doch nicht nur die Kaffeehäuser erwähnt Hartmut Binder in seinem Buch, sondern auch die Nachtklubs und Bordelle – etwa den Salon Goldschmied, Ende des 19. Jahrhunderts das berühmteste Freudenhaus Prags.
In Prag – so zeigen die von Hartmut Binder gesammelten Fotos und Geschichten – ist eine große und bisweilen skurrile Kultur der Cafés und Gasthäuser verloren gegangen. Auf ihren Spuren durch diese Stadt zu flanieren, das aber lohnt sich noch immer.
ARD, am 19. Dezember 2000
Mit diesem Buch spricht Binder Pragbesucher und Literaturliebhaber gleichermaßen an. Wer sich über Kaffeehäuser, Kneipen, Nachtbars, Kabaretts, Varietés, Bordelle, Studentenlokale, Künstlerstammtische und Biergärten zur Zeit Kafkas informieren will, der hat hier eine wahre Fundgrube vor sich. Außen- und Innenaufnahmen, alte Zeitungsannoncen, Karikaturen und Autorenporträts ergeben einen Bilderbogen, der in dieser Fülle noch nicht zu sehen war. Durch das vergangene Jahrhundert hindurch wird die Geschichte der Lokalitäten nachvollziehbar, jener, die bis heute bestehen, und anderer, die längst dem Umbau oder Abriss zum Opfer gefallen sind.
Der Vitalis-Verlag hat einmal mehr bewiesen, dass er mit seiner Spezialisierung auf Prag und die Prager Literatur zu den unverzichtbaren Mittlern der böhmischen Kulturwelt zählt.
Peter Becher für den „Bayerischen Rundfunk“, am 2. Dezember 2000