Dreieinhalb Jahre ist es her, daß Jane Campion Cannes mit "Das Piano" im Sturm nahm. So lange hat sich die neuseeländische Ausnahmeregisseurin Zeit gelassen, um ihre ambitionierte Verfilmung von Henry James' Frühwerk "Ansichten einer jungen Dame" aus dem Jahr 1881 fertigzustellen. Das Ergebnis ist ein formal faszinierender Ausflug in jene Welt der gesellschaftlichen Konventionen und teuflisch eingefädelten Intrigen, gegen die sich bereits die bemitleidenswerten Helden von Stephen Frears' "Gefährliche Liebschaften" und Martin Scorseses "Zeit der Unschuld" durchzusetzen versuchten.
In erster Linie ist Jane Campions fortschrittliche Titelheldin Isabel Archer eine nahe Verwandte der stummen Ada, die Holly Hunter in "Das Piano" dargestellt hatte. Beiden Frauen wird der Lebensatem geraubt vom strengen Benimmkorsett des späten 19. Jahrhunderts, und beide haben den Mut, sich gegen ihr von der Gesellschaft vorbestimmtes Schicksal aufzulehnen. Anders als Ada, die erst im Verlauf von "Das Piano" ihre Befreiung erfährt, betritt die junge Amerikanerin Isabel die Szene bereits als freigeistige, emanzipierte Frau. Bei ihrem Besuch in Europa erlaubt sie sich den Affront, ihre gutmeinenden Verehrer abblitzen zu lassen, nur um sich in Italien auf eine fehlgeleitete Ehe mit dem selbstgefälligen Blender Osmond einzulassen, der nichs unversucht läßt, seine Frau zu brechen. Nur am Rande spricht Jane Campion James' zentrales Thema vom Aufeinanderprall der neuen Welt Amerika mit der alten Welt Europa an. Das eigentliche Interesse gilt ihrer Heroine, ihrer inneren und äußeren Kämpfe um Freiheit und einen Hauch von Selbstbestimmung. Passend dazu beginnt sie ihr Werk mit einer wunderschönen Titelsequenz, in der die Kamera spielerisch über die Gesichter von jungen Mädchen unserer Zeit gleitet: Sie können die Ernte einbringen, die ihre Vorfahrin Isabel Archer unter schwersten Bedingungen säen konnte. Dunkel-dräuende Bilder finden die Regisseurin und ihr Kameramann Stuart Dryburgh für diese Zeit. Ihre dominierenden Blau- und Grüntöne schlagen auch eine visuelle Brücke zu "Das Piano". Konnte Dryburgh damals seiner Fantasie allerdings noch freien Lauf lassen, zwingt ihn die Dialoglastigkeit von "The Portrait of a Lady" häufig zu engen Kompositionen. So mangelt es dem mit einem Höchstmaß an handwerklicher Raffinesse realisierten Opus letztlich auch an der mysteriösen Spannung des Vorgängers. Die mußte einer Perfektion weichen, die den Film auf ähnliche Weise in einen goldenen Gefühlskäfig steckt wie Osmond die Titelheldin während der Hölle ihrer Ehe. Die nicht enden wollenden Gespräche zwischen den agierenden Personen ersticken jeden Anflug von Emotion im Keim. Wenn Osmond Isabel durch einen Tritt aufs Kleid zum Stolpern bringt, dann ist das schon eine Eruption angestauter Aggression. Campion ist konsequent, riskiert damit aber auch, daß die Geduld des Zuschauers in dieser Zurschaustellung unbedingter Kontrolle arg strapaziert wird. Dazu kommt, daß gerade die Motivationen der Hauptfigur schwer durchschaubar bleiben. Nicole Kidman bleibt eigenartig kühl und unnahbar, während John Malkovich - ein teuflischer Osmond - den gleichen Turf in "Gefährliche Liebschaften" bereits überzeugender beackert hat - seine Tricks kennt man inzwischen. Ohne Makel agieren die weiteren Schauspieler: Martin Donovan, Richard E. Grant und Viggo Mortensen als leidende, besorgte Verehrer Isabels und vor allem Barbara Hershey als intrigante Madame Merle lassen keine Wünsche offen. Und so ragt "The Portrait of a Lady" denn doch wie ein funkelnder Diamant aus den Veröffentlichungen dieses Jahres - auch wenn man ihn vielleicht ein wenig zu obsessiv geschliffen hat. ts.