Sollte man ihn leben oder sterben lassen, den Staragenten des britischen Geheimdienstes MI6? Nach Jahren juristischer Streitigkeiten und Debatten รผber die Marktchancen James Bonds entschlossen sich die Rechteinhaber zu einem Comeback des fast schon zwangspensionierten Casanovas mit der Lizenz zum Tรถten. Neues Personal und eine Hinfรผhrung ans Action-Kino der neunziger Jahre sollten der langlebigen Filmserie neue Impulse verleihen. Desmond Llewelyn als Faktotum Q ist der letzte รberlebende der ersten Stunde. Neu im Team sind Judi Dench als Bonds erstmals weiblicher Chef M, Samantha Bond als scharfzรผngigere Miss Moneypenny und Pierce Brosnan, der als 007 in die Fuรstapfen des guten, aber ungeliebten Timothy Dalton tritt. Wer von Brosnan die Reanimation seines smarten "Remington Steel"- Charakters erwartet hatte, sieht sich getรคuscht. Brosnans Dressman-Bond wird als eher ernster, harter Action-Held eingefรผhrt, der wenig Zeit zum Balzen hat, weil ihn das Tรถten so in Anspruch nimmt. Somit steht in "Goldeneye" technisch erstklassig realisierte Action im Vorder-, der traditionelle Charme und Witz der Bond-Serie dagegen im Hintergrund. Das von Luc Bessons Hofkomponisten Eric Serra aufgemotzte Bond-Thema unterstreicht dabei von Beginn an den Anspruch der Produzenten, ein neues, jรผngeres Publikum an sich zu binden. Der gewohnte Prolog erweist sich als erwartetes Highlight. Bonds spektakulรคrer Bungee- Sprung von einem Staudamm fรผhrt mitten ins Herz einer versteckten russischen Chemiewaffenfabrik. Der geplante Sabotageakt endet aber mit einer Katastrophe, als Bonds Partner 006 (Sean Bean) vom eiskalten General Ourumov (Gottfried John) hingerichtet wird. Daร dieser Tote im Laufe des Films Wiederauferstehung feiern wird, ist fรผr aufmerksame Zuschauer allerdings keine รberraschung, wird doch Beans Name in der chic gestylten Credits- Sequenz an prominenter Stelle gefรผhrt. Sieben Jahre spรคter jedenfalls wird die Erinnerung an die getilgte befreundete Doppelnull wieder wach, als Ourumov mit seiner Terminatrix (das hollรคndische Exmodel Famke Janssen mit einer deutlichen Hommage an Lena Olins Mona- Demarkov-Charakter aus "Romeo Is Bleeding") eine russische Forschungsbasis รผberfรคllt. Nach blutigem Massaker fรคllt dem Duo infernal "Goldeneye" in die Hรคnde - der Schlรผssel zur Aktivierung geheimer russischer Militรคrsatelliten, die vernichtende elektromagnetische Impulswellen aussenden kรถnnen. Bis Bond im Team mit der Computerspezialistin Natalya (Izabella Scorupco) seine Gegner kaltstellen kann, besucht er dekorative Schauplรคtze wie Monaco, demoliert in einer erstaunlich realistischen Sequenz per Panzer halb St. Petersburg, duelliert sich mehrfach mit Ourumovs Schlรคchterin und rettet in der Karibik schlieรlich wie gewohnt die Welt. Regisseur Martin Campbell ("Flucht aus Absolom") erweist sich den groรen Action-Anforderungen gewachsen, fรผhrt "Goldeneye" mit hartem, oft brutalem Ton weit weg vom selbstironischen Kasperltheater Roger Moores. Weniger Sex, mehr Gewalt lautet die Devise seines Films, der die Erwartungen von Action-Fans nicht enttรคuschen wird. Ob auch die eingefleischte Bond-Klientel dieser Kurskorrektur folgen wird, wird sich zum US- Jahreswechsel zeigen, wenn der erwiesene Goldesel Bond mit Columbias mรถglichem "Money Train" kollidiert. kob.