Von neunhundert Filmen, die Alberto Barbera für das Programm der Internationalen Filmfestspielen Venedig sichtete, fand nur ein deutscher Langfilm Gnade vor seinen Augen: Werner Herzogs "Invicible". Die dramatische Geschichte des jüdischen Schmieds Zishe Breitbart, der 1932 in Hanussens Berliner "Palast des Okkulten" als stärkster Mann der Welt auftrat, lief in der neu geschaffenen Wettbewerbs-Sektion "Cinema del Presente" und stieß auf ambivalente Reaktion.
Nach über einem Jahrzehnt Spielfilmabstinenz im Kino meldet sich Werner Herzog wieder zurück und nahm sich einen authentischen Stoff aus dem beginnenden Hitler-Deutschland vor. Noch brennt die Welt nicht, aber die Anzeichen für eine Katastrophe mehren sich. Zishe Breitbart ist in Kraftpaket von Mann, der eigentlich keiner Fliege etwas zuleide tut, aber auch schon mal spielend antisemitische Stammtischbrüder in die Flucht schlägt und einen in den Graben gefahrenen Heuwagen schnell wieder flott macht. In seinem polnischen Dorf mag man den einfachen Kerl, der sich zu Fuß nach Berlin aufmacht, um als stärkster Mann der Welt die Attraktion in Hypnotiseur Hanussens "Palast des Okkulten" zu werden und mit blonder Perücke als eine Art Siegfried-Verschnitt vor begeistertem Publikum auftritt. Doch die falsche Show geht der ehrlichen Haut bald gegen den Strich. Zum Entsetzen der Nazis, die ihn als Arier verehren, verkündet er auf der Bühne seine jüdische Herkunft und will lieber den Samson mimen, der sein Volk zur Freiheit führt. Damit bringt er nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern vor allem den geheimnisvollen Juden Hanussen, der von der braunen Brut ermordet wird. Zishe zieht es in die Heimat zurück, wo er vergebens versucht, die Bevölkerung auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen und wo er ganz lapidar an Blutvergiftung stirbt. Herzog, der die Wahrheit suchen aber keinesfalls einen politischen Film machen wollte, erzählt zwei Geschichten, die sich parallel entwickeln, aber nur selten tangieren und leider nicht zu einer Demonstration des Erzählkinos Herzog'scher Prägung vereinen - die des schlichten Bauernburschen aus der polnischen Provinz und die des schillernden Magiers aus der sündigen Metropole, des Biedermannes und des Brandstifters. Während Tim Roth brillant die Zwiespältigkeit des Hanussen verkörpert, der sich den Mächtigen anbiedert und seine wahre Identität um den Preis sozialer und künstlerischer Anerkennung verschleiert, bleibt der Finne Jouko Ahola, der zweimal der stärkste Mann der Welt war und den gutmütigen Breitbart darstellt, in seiner bewussten Naivität doch etwas blass, zumal Herzog am Ende auf Naturalismus und eine Portion inszenatorische Betulichkeit setzt. Bei Roth als gebrochener Figur dagegen ahnt man die dunklen Seiten des schönen Scheins, spürt man in manchen genial aufblitzenden Momenten das Visionäre und die Tragik eines Menschen, der mehr ist als nur ein kluger Scharlatan - ein monströser Manipulateur der Massen, ein perfider Prophet der Banalität des Bösen. Ein breites Publikum mag sich dem Thema verweigern, treue Herzog-Fans werden sich die Gelegenheit zum Kinobesuch nicht entgehen lassen. mk.
Hersteller: Edel Music & Entertainment GmbH, Neumühlen 17, Hamburg, Deutschland, 22763, www.edel.com