Der fürs Fernsehen entschärfte Kino-"Tatort" entpuppt sich trotz dünner Handlung als respektabler Action-Film.
Til Schweiger war not amused, als er erfahren hat, dass die ARD seinen Kino-"Tatort" mitten im Sommer zeigt. Bei seiner Reaktion wird auch die ernüchternde Kinoauswertung nochmals eine Rolle gespielt haben. Nicht mal 280.000 Zuschauer und somit nur ein Bruchteil von Tschillers TV-Premiere ("Willkommen in Hamburg", 2013: 12,74 Mio. Zuschauer): Das muss für Schweiger und Regisseur Christian Alvart, beide auch Produzenten des Films, wie ein Schock gewesen sein. Allerdings müsste ihnen klar gewesen sein, dass ein ähnlicher Erfolg wie bei Schweigers Regiearbeiten ("Honig im Kopf": gut 7 Millionen Zuschauer, "Keinohrhasen": 6,3 Millionen) unmöglich sein würde; in solche Dimensionen stoßen deutsche Kinoproduktionen nur als Komödie vor. Trotzdem lässt sich nicht erschöpfend erklären, warum der Film derart schlecht abgeschnitten hat. Natürlich geht ein Großteil des (älteren) "Tatort"-Stammpublikums überhaupt nicht mehr ins Kino, aber die Zuschauer der Tschiller-Krimis waren im Schnitt deutlich jünger als sonst. Andererseits wusste die Zielgruppe natürlich, dass der 8 Millionen Euro teure Kino-"Tatort" einige Nummern kleiner daherkommen würde als vergleichbare Hollywood-Produktionen.
Dabei ist "Tschiller: Off Duty" ein durchaus respektabler Actionfilm, auch wenn die Handlung für 130 Minuten etwas zu dünn ist: Tschillers Tochter Lenny (Luna Schweiger) will in Istanbul den Tod ihrer Mutter rächen, landet jedoch als Zwangsprostituierte in Russland, wo sie zur entscheidenden Figur eines perfiden Anschlags werden soll. Selbstredend lässt Vater Nick nichts unversucht, um seine Tochter zu befreien, erst in Istanbul, dann in Moskau. Dass die Handlung bloß als Vorwand für Schlägereien und Schießereien dient, ist in diesem Genre nicht ungewöhnlich. Was dem Film dagegen völlig abgeht, ist eine gewisse ironische Distanz; "Tschiller: Off Duty" ist absolut ernst gemeint. Die Istanbuler Hälfte stellt zudem viel zu wenig Empathie für den Helden her, weshalb die Action etwas seelenlos wirkt. In Moskau ist das anders, zumal die Spannung nun auf zwei Ebenen entsteht: Tschiller muss um jeden Preis das Attentat verhindern, sonst stirbt seine Tochter. Der Qualitätsunterschied zwischen den beiden Hälften hat auch viel mit Originalität zu tun. In Istanbul wird geschossen, geprügelt und über Dächer geflohen, in Russland kommt es unter anderem zu einem packend inszenierten ungleichen Zweikampf zwischen einem Lada und einem Mähdrescher. Zwischendurch ist der Film allerdings auch ziemlich brutal. Fürs Kino hat er wegen der stellenweise drastischen Gewalt eine Freigabe ab 16 Jahren bekommen. Aufgrund der Jugendschutzbestimmungen dürfte die ARD "Tschiller: Off Duty" daher eigentlich erst ab 22 Uhr ausstrahlen, weshalb der NDR einige Szenen entschärft hat. tpg.