Obwohl 1992 für sein Originaldrehbuch zu "Passion Fish" für den Oscar nominiert, genießt der Regisseur, Autor, Produzent, Schauspieler und Cutter John Sayles hierzulande nicht den Ruf, den er verdient. Dies liegt wohl hauptsächlich daran, daß Sayles sich standhaft dem Mainstream, dem leicht zugänglichen Unterhaltungskino, verweigert. Dies heißt aber nicht, daß seine Filme nur für Cineasten oder spezielle Randgruppen von Interesse sind. Mit "Das Geheimnis des Seehundbabys", der in den USA mit einem Boxoffice von über fünf Millionen Dollar zum Überraschungserfolg wurde, hat John Sayles nun für ihn filmisches Neuland betreten. Zum einen hat er erstmals einen Stoff adaptiert, der nicht der "Realität" verpflichtet ist, zum anderen spielen Natur und Elemente eine ebenso wichtige Rolle wie die Personen. Im Zentrum der Handlung steht die zehnjährige Fiona Coneelly, die kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs von ihrem alleinstehenden Vater zu den Großeltern geschickt wird, weil dieser keine Zeit hat, sich um sie zu kümmern. Die Großeltern leben in einem kleinen Fischerdorf an der Küste Irlands. Fiona ist fasziniert von den Legenden und Geschichten, die ihr Opa ihr erzählt, besonders von der des selkie, eines Meereslebewesens, das halb Mensch und halb Seehund ist. Als Fiona eines Tages am Strand einen kleinen Jungen sieht, der ihr verstorbener Bruder sein könnte, beginnt sie sich intensiv mit der Vergangenheit ihrer Familie auseinanderzusetzen. Dabei findet sie heraus, daß eine geheimnisvolle Macht alles daran setzt, die Familie Coneely dazu zu bewegen, in ihre ursprüngliche Heimat, die kleine Insel Roan Inish, zurückzukehren. "Das Geheimnis des Seehundbabys" ist ein der Mystik und Magie verschriebener Film, der für alle Altersgruppen von Interesse ist. Actionarm und von gemäßigtem Tempo muß der Zuschauer eine gewisse Geduld aufbringen, bis er sich in die Geschichte einfindet. Tut er das jedoch, wird er bald von dem Stoff und dessen Umsetzung gefangen genommen. Besonders bemerkenswert ist die Kameraarbeit Haskell Wexlers, der es versteht, seinen Irlandbildern etwas Entrücktes zu geben, was ja auch dem Thema des Werkes enrspricht. Solide Schauspielerleistungen und ein klug gewählter, keltisch anmutender Soundtrack runden den Filmgenuß ab. Sollte es Columbia TriStar gelingen, den ungewöhnlichen Film entsprechend zu disponieren, sprich: das richtige Publikum anzusprechen, ist - nicht zuletzt wegen des nach wie vor aktuellen Faibles für alles Irische - ein bescheidener Erfolg nicht auszuschließen. geh.