Das grimmige Titelwortspiel ist genau die richtige Visitenkarte fรผr diesen fรผr das deutsche Fernsehen eher ungewรถhnlichen Thriller, der die Geschichte einer Geiselnahme mal ganz anders erzรคhlt.
Emma Mayer (Katja Riemann) ist Psychologin und heuert als nรคchtlicher Kummerkasten bei einem Mannheimer Radiosender an. Den Job macht zwar schon eine andere, aber als ein Mann anruft, der sich mit mehreren Geiseln in einer Tankstelle verschanzt hat, ist die ohnehin nicht mehr nรผchterne Kollegin (Mechthild Groรmann) รผberfordert. Emma fรคhrt zum Ort des Geschehens und lรคsst sich auf ein gewagtes Frage-und-Antwort-Spiel mit dem Mann (Ben Becker) ein: Liegt sie richtig, lรคsst er jeweils eine Geisel frei; liegt sie falsch, muss eine Geisel sterben.
Da sich groรe Teile der Handlung zunรคchst im Studio und spรคter im Verkaufsraum der Tankstelle zutragen, ist "Der Wolf und die sieben Geiseln" รผber weite Strecken ein Kammerspiel-Thriller, der sich ganz auf die beiden Hauptdarsteller konzentriert. Autor Wolfgang Stauch hat Katja Riemann und Ben Becker nicht nur mit cleveren Dialogen und einer Menge Spielmaterial versorgt, sondern die Figuren zudem mit interessanten Biografien versehen. Der rรคtselhafte Prolog mit Bildern aus einer marokkanischen Stadt, in der sich Emma offenbar eine Auszeit genommen hat, erklรคrt sich allerdings erst mit dem verblรผffenden Epilog; und das ist nur eine von vielen รberraschungen, die neben der packenden Geschichte den groรen Reiz von Stauchs jederzeit plausiblem Drehbuch ausmachen.
Gleiches Lob gebรผhrt Regisseur Torsten C. Fischer. Es ist dabei trotz der ausgezeichneten Musik von Fabian Rรถmer gar nicht mal so sehr der Nervenkitzel, der die Qualitรคt des Thrillers ausmacht, sondern das Katz-und-Maus-Spiel der Psychologin mit dem Geiselnehmer; und natรผrlich umgekehrt. Emma hat den Vorteil, รผber einen Sender mit der Auรenwelt verbunden zu sein, und auch daraus schรถpfen Stauch und Fischer zusรคtzliche Spannung: Fieberhaft versuchen die Polizei und Emmas Redakteur (Andreas Schmidt) anhand der wenigen Informationen, mehr รผber den Mann zu erfahren, der tatsรคchlich Wolf heiรt, und so stellt sich schlieรlich raus, dass er nichts mehr zu verlieren hat und im Grunde die tragische Figur der Geschichte ist.
รhnlich fesselnd wie die Geschichte ist auch die Umsetzung. Kameramann Jรผrgen Carle hat fรผr den SWR schon eine Vielzahl von Filmen fotografiert und dabei fast immer fรผr eine bemerkenswerte Bildgestaltung gesorgt (zuletzt vor allem in zwei "Tatort"-Folgen aus Ludwigshafen, "LU" und "Du gehรถrst mir"). Auch diesmal gibt es einige Einstellungen, in denen gerade die Lichtsetzung fasziniert, etwa beim รbergang vom Prolog in Marokko zur ersten Szene in Mannheim, als das nรคchtliche Licht ganz รคhnlich ist, aber der strรถmende Regen fรผr die deutsche Note sorgt. Bei den Szenen in der Tankstelle ist die Kamera ohnehin immer mittendrin im Geschehen.
"Der Wolf und die sieben Geiseln" ist der Auftakt zu einer neuen Reihe, mit der der SWR gewissermaรen an die gemeinsam mit dem WDR produzierten "Bloch"-Filme mit Dieter Pfaff anknรผpft. Deshalb schlieรt der Film nach dem bitteren Ende auch mit der unausgesprochenen Frage, wer diese Frau wohl ist, die mit "Emma nach Mitternacht" ihre eigene Radiosendung bekommt; Emma Mayer ist sie jedenfalls definitiv nicht. tpg.