Ausnahmeregisseur Nicolas Winding Refn liefert nach "Only God Forgives" einen weiteren sperrigen aber ebenso bildgewaltigen Thriller an, womit er sich weiter von seinem Hit "Drive" entfernt.
Drei Jahre nachdem Nicolas Winding Refn mit seinem radikalen "Only God Forgives" unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er nicht vor hat, den Rest seines Lebens der Regisseur sein zu wollen, der "Drive" gemacht hat (und sich auf diesen Lorbeeren bequem einrichtet), ist seine Geschichte einer 16-jährigen Schönheit vom Land, die mit ihrem unfassbaren Aussehen die Stadt der Engel im Sturm nimmt, bis sie auf den Widerstand ihrer ausgebooteten Konkurrentinnen stößt, ein - Zitat Refn - "Horrorfilm ohne Horror", ein Eintauchen in eine in kräftige Elementarneonfarben und bassige Synthesizerflächen getauchte Alptraumwelt. Weniger attackiert er mit "The Neon Demon" die Oberflächlichkeit der Welt der Schönen und Reichen mit deren eigenen Mitteln, vielmehr kanalisiert (und kannibalisiert) er die filmischen Welten von Kenneth Anger, Stanley Kubrick, Richard Kern und David Lynch, um die Stadt der Engel als Hort für einen Todestrip der plakativen Art zu vereinnahmen, der verstört und irritiert und gegen die Erwartungen gekämmt ist und doch so lecker und modern verpackt ist, dass sich auch ein Teenagerpublikum darin wiederfinden kann. Ein neuer "Drive", wie vielerorts angekündigt, ist Refns zweiter in Los Angeles entstandener Film jedenfalls nicht geworden, mehr ein amerikanischer Verwandter von "Only God Forgives", der als körperliche Gesamterfahrung verstanden sein will, als ein Frontalangriff auf die Sinne, in dem eine Handlung im klassischen Sinne eine untergeordnete Rolle spielt. Lange führt einen Refn an der Nase herum mit langen, pulsierenden Sequenzen, in denen Elle Fanning in der Hauptrolle den alteingesessenen Veteranen der Modelszene eine lange Nase dreht. "Ich will nicht so sein wie sie - alle wollen so sein wie ich", sagt das süße Mädel zunehmend selbstbewusst und ahnt nicht, dass sich die Schlinge um ihren Hals bereits zuzieht. Wie das dann allerdings passiert, ist so over the top und pures Kino, wie es sich nur ein Narzisst wie Refn zusammenspinnen kann. Dem Publikum in der Pressevorführung in Cannes blieb zunächst die Spucke weg, dann musste es hysterisch lachen und schließlich brach sich die angestaute Spannung mit wütenden Schreien zum Abspann ihren Bann. Vergessen wird man dieses Screening nicht. ts.