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"Jeder Mensch muss wissen, dass der andere auch ein Mensch ist"
Manuela K. - Bewertet am 22.10.2017
Zustand: Exzellent
Von Jaromir Konecny habe ich mittlerweile schon ein paar Bücher gelesen, die jedoch alle im Jugendbuchbereich angesiedelt waren (Herz Slam, Tote Tulpen, Falsche Veilchen). Ich war gespannt auf das erste Erwachsenenbuch, das ich von diesem Autor lese, ganz besonders, weil es autobiographische… Elemente beinhaltet.
Die Geschichte um Lolek Nemec, der 1988 in einem bayrischen Flüchtlingslager landet, zusammen mit seiner Jugendliebe, der ein Studium samt Doktorat abschließt und für mehr als ein Jahrzehnt ins Koma fällt und dann zu Sozialstunden in einem Flüchtlingsheim verurteilt wird, ist so weit hergeholt, dass sie schon wieder glaubwürdig rüber kommt.
Besonders schön ist in diesem Buch die Sprache der einzelnen Charaktere herausgearbeitet. Lolek, der von sich selbst als Nemec spricht, ist gebürtiger Tscheche mit polnischem Vornamen, dessen Nachname Deutscher bedeutet, was sich wiederum von „stumm“ ableitet. Jeder Mensch sucht im Leben etwas, das es sich zu sammeln und zu bewahren lohnt: im Fall des Protagonisten sind es Geschichten, die er erleben und erzählen möchte. Ebenso gerne erzählt er die Geschichten die andere erlebt und erzählt haben und bezeichnet sich selbst im Buch auch als Geschichtensammler.
Ein weiterer Charakter, der mir sehr gut im Gedächtnis geblieben ist, ist der blumig sprechende Frisör, der den Großteil seiner Deutschkenntnisse aus Frauenromanen angelesen hat und jetzt im Alltag diese blumige Sprache verwendet.
Die Botschaft, dass es in jeder Gesellschaft und jeder Bevölkerungsgruppe gute und schlechte Menschen gibt, bringt der Autor glaubwürdig und ohne erhobenen Zeigefinger mit viel Humor und Fingerspitzengefühl herüber. In diesem Buch wird nicht bloßgestellt, es wird auf keine Vorurteile zurückgegriffen (mit Ausnahme der sehr rechts orientierten Charaktere, die diese Aussagen benötigen, um den eigenen Standpunkt klar so machen) und trotz der Kürze des Buches jeder Charakter sehr individuell dargestellt. Für die spannenden und teilweise etwas exzentrischen Charaktere schätze ich diesen Autor ganz besonders.
Fazit: Jaromir Konecny überzeugt auch mit diesem Erwachsenenbuch zum heiklen Thema Flucht und Migration.