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Schmäh als ästhetische Strategie der Wiener Avantgarden

(Gebundene Ausgabe, Deutsch)

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Beschreibung
Künstlerische Avantgarden und die Facetten des Unernsten sind in ihrer Bedeutung füreinander erkannt; Ironie und Selbstironie in der Literatur, absurde Manifeste, ironische Gedichte, satirische Verse und polemische Schriften kennzeichnen die Literatur von Futurismus, Dada und Surrealismus. Die futuristischen Avantgardisten legten Wert darauf, in ihren komischen Sequenzen nicht nur Komik zu produzieren, sondern auch von Komikern präsentiert zu werden; der Humor im Dadaismus setzt Komik als Haltung und Waffe ein. Komik als Oberbegriff für Ironie, Selbstironie, Humor und Spiel verstanden, im Spannungsfeld seiner wechselseitigen Einflussnahme für die Avantgarde, wird hier in den Beobachtungszeitraum der 1950er- bis zu den 1970er-Jahren in Wien gestellt. Dies führt zu einer spezifischen Facette des Unernsten, dem „Wiener Schmäh“, der eine ästhetische Strategie der Wiener Avantgarde in den künstlerischen Prozessen der Literatur und der bildenden Kunst, der Architektur und Musik ist, dabei die Disziplinen überschreitend, verbindend und in gegenseitiger Auseinandersetzung erhellend. Schmäh ist Humus wie kritische Haltung gegen einen etablierten Kunstbetrieb. Humor in seiner spezifischen Funktion ist nachweisbar in den Stadien des künstlerischen Prozesses von der Skizze bis zur Ausführung, als Form produktiver Auseinandersetzung, ist betrieben in der Gruppe künstlerisch Tätiger und gemeinsam Spaß Habender und zielt in seiner provokativen Energie gegen vorherrschende Kunstinstitutionen. Als treibendes Moment der Avantgarde führt der Humor in seiner Erscheinungsform des Performativen zum Schmäh. (Irene Suchy) Inhalt: Hubert Christian Ehalt 'Vorwort des Reihen-Herausgebers' Irene Suchy 'Einleitung' Helmut Neundlinger 'Schmäh, Witz, Humor und tiefere Bedeutung' 'Ernst Jandl, Gerhard Rühm und die Komik der experimentellen Dichtung' Irene Suchy 'Vom Abdanken der Zwölfton-Vorherrschaft Komponieren im post-faschistischen Wien als Schnittstelle zwischen Performance, Dadaismus und historischer Reflexion' Harald Krejci Ironic turn 'Der Humor und der Wiener Schmäh in der bildenden Kunst nach 1968 und wie es dazu kam' Rudolf Kohoutek 'Weniger Humor, mehr Schmäh Wiener Architektur-Avantgarden 1958–1973 Vorwort des Reihen-Herausgebers Hubert Christian Ehalt: Eine spezifisch wienerische Form, sich mit Verhältnissen und Beziehungen, Ereignissen und Gegebenheiten auseinanderzusetzen, ist der „Schmäh“. Er ist eine aus dem genius loci erwachsende spielerische Verbindung zwischen Scherz, Satire, Ironie und Spott. „Schmäh“ hat etwas mit sozialer Kompetenz, mit Sprachbeherrschung und mit Schlagfertigkeit zu tun. Die auf Schmäh basierende Intervention erfolgt unmittelbar, punktgenau und präzise. Schmäh changiert zwischen Bauernschläue, souveränem Witz und intellektuellem Spott, wobei die Qualität des guten Schmäh gerade darin liegt, dass die Handelnden (quasi das Publikum) nicht erkennen, auf welcher Seite der drei genannten Qualitäten zwischen Schläue und Finesse sich der Witz entfaltet. Jedenfalls ist es legitim, „Schmäh als ästhetische Strategie“ darzustellen, wie das Irene Suchy, die Herausgeberin des vorliegenden Bandes, tut. Der erste Hauptsatz der Kultur, der Kulturreflexion und der Kulturwissenschaft könnte lauten, dass dort, wo Menschen handeln und über ihr Tun nachdenken, das Prinzip der Ambivalenz herrscht. Handlungen sind im Hinblick auf ihre Wahrnehmung durch ein Gegenüber ambivalent. In ihrer Beschreibung durch Dritte unmittelbar nach den Ereignissen oder in der Geschichte – aus größerer Distanz – sind sie das ohnedies. Da sind sie zur Interpretation in einem großen Spannungsfeld völlig freigegeben. Die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit hat überall dort, wo ihr das enge Korsett einer dogmatischen Weltsicht abgenommen wurde, wo sie dieses Korsett abgestreift hat, die Möglichkeit, die Repräsentanten von Herrschaft – auf einem wie pompös auch immer geschmückten Thron sie sitzen und welche Titel und Orden sie tragen mögen – nackt zu sehen. Diese Fähigkeit zur Ambivalenz ermöglicht, unter Ordensketten und anderen Machtsymbolen den dicken Bauch und das Gemächt derer zu sehen, die durch herrschaftlichen Gestus davon ablenken möchten, dass sie auch nur Menschen sind, die der Notdurft unterworfen sind. Ambivalenz ermöglicht Aufklärung, Perspektivenwechsel, Ironie und Humor. Ambivalenz ist Wohltat, weil sie überall dort, wo Heroismus, das Gute, das Wahre, das Schöne penetrant – süßlich-schal riechend – im Raum stehen, einen Dekodierungsprozess in Gang bringt, der beim Empfänger nur die Lächerlichkeit der übermittelten symbolischen Botschaft ankommen lässt. Aus demselben Grund ist die Ambivalenz auch Plage, weil sich die Menschen nach dem Heroischen und dem Göttlichen sehnen und weil die Ambivalenz nicht einmal die hehrsten Ideen und Gedanken und ihre TrägerInnen in Ruhe lässt. Keine Heldentat bleibt aus einer Perspektive „der Aufklärung“ betrachtet bestehen. In H.C. Artmanns „Flieger, grüß mir die Sonne“ (im Band „How much Schatzi “ 1971 erschienen) wird der „Held“, an dem alles gefälscht ist (der Flugschein, der Schnurrbart, die Haare, die Waden etc., und auch der Name René de Clavigny – eigentlich heißt er Krchpfrchpfrz), bei einer Schiffskatastrophe seines Fake-Charakters entkleidet. Aus Clavigny wird wieder Krchpfrchpfrz, und die Badegäste des Seekurorts, an dem der vorgebliche Flieger vorher die Damen beeindruckte, bedauern, dass der edle Clavigny plötzlich verschwunden ist. Offensichtlich musste er bei einem unfreiwilligen Rettungsmanöver für Schiffbrüchige (ein Motorboot geht mit ihm durch) sein Leben lassen, für Kreaturen „wie diesen Krchpfrchpfrz“, wie die Badegäste feststellen. Artmanns Erzählung steht paradigmatisch für dieses Prinzip der Ambivalenz, weil in der Tat in allen Personen und in allen Geschehnissen hinter Clavigny’schem Heroismus das auch immer präsente Krchpfrchpfrzische der menschlichen Existenz steht – und sei es, wenn die AkteurInnen in der Tat wahr und mutig und ohne Furcht und Tadel waren und sind, nur aus der Perspektive eines zynischen Beobachters, der das eben nicht wahrhaben will. Dort, wo in der Geschichte der Neuzeit in Europa Gesellschaften offener, analytischer, reflexiver, aufgeklärter wurden, ist die Möglichkeit gewachsen, „das Geschehen“ und das Handeln, aus dem Geschehen und Geschichte entsteht, ambivalent wahrzunehmen und zu beschreiben. Dieses Prinzip ist die Grundlage für Kritik, Aufklärung, und auch ein Fundament des Humors. Wenn Menschen, menschliche Gruppierungen und deren Protagonisten sich in einer schwierigen Situation befinden, dann gibt es – nach einem geläufigen Wiener Bonmot – zwei Perspektiven. Die eine durchaus konstruktive Perspektive beschreibt die Situation mit den Worten: „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“. Die andere, quasi die Variante des Wiener Schmäh, dreht den Sachverhalt um. Nun sieht man die Sache ungeschminkt und muss erkennen: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“. Das ist eine souveräne Perspektive. Die Akteure lassen sich durch die Hoffnungslosigkeit nicht einschüchtern und treten ihr mit der Souveränität und dem Hegemonieanspruch des Witzes gegenüber. Anstatt mit Trostlosigkeit begegnen sie dem Ausweglosen mit Humor. Im Sinne ganz aktueller Bewertungen von sozialem Verhalten sind Akteurinnen und Akteure, die die Fähigkeit haben, mit Schmäh Verhältnisse zu beschreiben, zu beurteilen und zu leben, „cool“, weil sie sich durch die „Fügungen des Schicksals“ nicht einschüchtern lassen. Als Herausgeber der „Enzyklopädie des Wiener Wissens“ interessieren mich besonders jene Wissens- und Wissenschaftsentwicklungen in Wien, in denen sich Aufklärungs-, Bildungs- und Emanzipationsprozesse dokumentieren. Dieses Interesse bestimmt auch die zeitlichen Zäsuren jener Epoche der Wiener Geschichte, die in der Enzyklopädie des Wiener Wissens wesentlich untersucht wird: von der „Ersten Wiener Moderne“ (1770?–1792) über die Moderne des Fin de Siècle bis in die Gegenwart. Man ersieht daraus, dass ich als Reihenherausgeber dieser Enzyklopädie an emanzipatorischem Wissen, an Wissen, das im Sinne von Aufklärung, Öffnung, Öffentlichkeit und Demokratie wirksam wurde, interessiert bin. Wissens- und Wissenschaftsgeschichte, die die gesellschaftlichen Bedingungen von „Öffnungs“- und „Schließungssituationen“ thematisieren, zeigen die Wurzeln, die Vorgeschichten, die Bedingungen und Grundlagen von „Sternstunden“ und kreativen Schlüsselsituationen – wie es die beiden genannten „Wiener Modernen“ waren –, sie zeigen aber ebenso die Defizite, die blinden, dunklen und braunen Flecken auf den Feldern von Wissen und Wissenschaft in Wien. Ich danke der Herausgeberin, Irene Suchy, für ihre originelle und kreative Perspektive auf Wiener Avantgarden in Dichtung, bildender Kunst, Musik und Architektur nach 1945. Das anregende Buch zeigt, dass die Qualität künstlerischer und kultureller Avantgarden in Wien ganz ausgezeichnet mit dem Begriff des „Schmäh“ entschlüsselt und erklärt werden kann. Und sehr persönlich darf ich anmerken, dass Irene Suchy bei der Wahl der AutorInnenschaft zu diesem Thema größte Treffsicherheit bewiesen hat.
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Technische Daten


Erscheinungsdatum
07.08.2015
Sprache
Deutsch
EAN
9783990284988
Herausgeber
Bibliothek der Provinz
Serien- oder Bandtitel
Edition Seidengasse
Sonderedition
Nein
Seitenanzahl
128
Einbandart
Gebundene Ausgabe
Buch Untertitel
Enzyklopädie des Wiener Wissens Band XXII
Bandzählung
22
Schlagwörter
Experimentelle Dichtung, Humor, Wiener Avantgarden
Thema-Inhalt
AGA - Kunstgeschichte
Höhe
210 mm
Breite
15 cm
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