Mit viel Sinn für Witz erweist sich Ruben Östlund in der Satire "The Square" als brillanter Chronist menschlichen Verhaltens und spinnt konsequent weiter, was ihn vor ein paar Jahren mit "Höhere Gewalt" zur Sensation im Un Certain Regard gemacht hatte. Darin erzählte er von einer normalen schwedischen Familie beim Winterurlaub, deren Zusammenhalt und Selbstverständnis auf eine Zerreißprobe gestellt wird, als eine Lawine vermeintlich auf die Skihütte zurast und der Familienvater die Nerven verliert, in einem Anfall von Panik nur seine Haut rettet und die anderen Familienmitglieder ihrem Schicksal überlässt. Die Lawine in "The Square" ist die titelgebende Installation in einem progressiven Kunstmuseum in Stockholm, ein auf den Boden eingezeichnetes Quadrat, vier mal vier Meter große, das, so besagt eine begleitende Inschrift, einen besonderen Raum einnehmen soll, in dem Menschen Zuflucht finden können und in dem man anderen helfen muss. Natürlich ist der ganze Film sinnbildlich dieses Quadrat, und der Zuschauer ist Teil der Versuchsanordnung, in bisweilen aberwitzigen und aberwitzig gelungenen Szenen zu zeigen, wie dünn doch die zivilisatorische Decke ist.
Im Mittelpunkt steht der Museumsleiter Christian, gespielt von Claes Bang, ein höchst attraktiver Kerl in seinen späten Vierzigern, der in seinen engen Anzügen unheimlich lässig aussieht und auch sonst souverän im Auftreten ist. Der selbstverständliche Umgang mit den Reichen und Schönen, ein Leben in Saus und Braus haben ihn selbstgefällig werden lassen, oberflächlich und ein bisschen hohl. Wie man im Verlauf des Films erfährt, ist er als Ehemann gescheitert und als Vater zweier Töchter ist er auch nicht gerade erfolgreich. Er verbirgt sich hinter wohlfeilen Platitüden, wird aber wachgerüttelt, als ihm mitten auf der Straße von gut organisierten Trickbetrügern Handy und Brieftasche entwendet werden. Mit Hilfe der Suchfunktion auf dem Computer kann Christian feststellen, wo die Diebe offenbar wohnen, ein Hochhaus in einer weniger schicken Gegend der Stadt. In einem Geistesblitz fertigt er mit seinem Assistenten einen Brief an, in dem er den Dieb auffordert, die Sachen wieder zurückzugeben. Sonst werde er die Polizei einschalten. In einer von vielen prägnanten Szenen verteilt er den Brief im Haus. Und löst damit eine Kettenreaktion aus, die er so nicht erwartet hat und ihn auf eine schwere Probe stellt. Gleichzeitig geht eine aggressive Werbekampagne für sein Museum nach hinten los, und ein One-Night-Stand mit einer Journalistin hat ebenfalls ungeahnte Auswirkungen, was zunehmend an Christian einst unerschütterlichen Selbstvertrauen nagt.
Es ist hinreißend zuzusehen, wie Östlund seinen Figuren und damit auch dem Zuschauer mit minimalen Mitteln den Boden unter den Füßen wegzieht, ihnen den Spiegel vorhält. Wenigstens vier Szenen sind sofort Klassiker - ein Streit über die Entsorgung eines gebrauchten Kondoms, eine Podiumsdiskussion mit einem arroganten Künstler, die von einem Mann mit Tourette gestört wird, eine Auseinandersetzung mit einem Jungen, den Christians Brief in Schwierigkeiten gebracht hat, und natürlich die eine Sequenz, über die nach dem Film am meisten gesprochen wurde: Bei einem festlichen Dinner für Sponsoren werden die Anwesenden mit einem Mann mit Armstelzen konfrontiert, gespielt von dem Affenspezialisten Terry Notary (die "Planet der Affen"-Filme), der ihnen als Tier im Mensch Angst machen soll, dabei aber weiter geht, als von seinen Auftraggebern vorgesehen. Es ist eine bemerkenswerte Szene, die im Grunde den kompletten absurd-satirischen Ansatz von "The Square" perfekt auf den Punkt bringt. Schade nur, dass dem Film zum Schluss hin etwas die Luft ausgeht. Vielleicht zieht Ruben Östlund die Stellschrauben ja noch einmal an - der Film ist offenbar nur sehr kurz vor seiner Premiere beim Festival de Cannes fertig geworden. ts.
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