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★★★★★
☆☆☆☆☆
Wunderschön!
Julia S. - Bewertet am 10.10.2018
Zustand: Exzellent
INHALT:
Die 72-jährige Vita wohnt seit viele Jahre in der Torstraße 6. Ihren in Australien lebenden Sohn hat sie schon lange nicht mehr gesehen. Und zu den anderen Mitbewohnern im Haus hat sie bis auf eine Ausnahme keinen großen Kontakt. Möchte sie auch gar nicht.
Im gleichen Haus wohnt unter ihr… Lazy, 20 Jahre und Student, welcher derzeit im siebten Himmel schwebt. Seit er mit Elsie zusammen ist, kann er nur noch an sie denken. Doch als er sehr krank wird, ist Elsie plötzlich fort. Seinen Mitbewohner zieht es nach Mexiko. Und er hat niemanden mehr.
Da begegnen sich eines Tages Vita und Lazy im Treppenhaus. Vita beschließt den krank aussehenden Lazy mit zu sich zu nehmen. Dieser kommt ab sofort öfter zum Essen und mit der Zeit entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Jung und Alt. ("Zwei allein sind besser als einer allein (...)" (S.101))
Als es Lazy gesundheitlich immer schlechter geht, beschließen sie sich gemeinsam auf eine letzte Reise zu begeben...
MEINUNG:
Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht der beiden Protagonisten geschildert. Die Autorin hat tolle Figuren erschaffen, die einerseits sehr unterschiedlich sind, andererseits aber auch einige Dinge gemeinsam haben. Vita wirkte auf mich anfangs etwas nüchtern und kühl. Anderen Menschen mit Freundlichkeit und Fürsorge zu begegnen, ist eigentlich nicht ihre Art. Doch als sie auf Lazy trifft, lernt man eine andere Seite von ihr kennen und die fand ich ganz wunderbar!
Auch Lazy war anfangs eher verschlossen. Seiner Erkrankung begegnet er mit einer Portion schwarzem Humor. Er war mir sehr sympathisch.
Großartig dargestellt fand ich die Beziehungs-Entwicklung zwischen Vita und dem deutlich jüngeren Lazy. Diese hat mich immer wieder berührt.
Andere Themen wie Sterben, Krankheit, Alter und die philosophische Auseinandersetzung mit dem Leben, regten zum Nachdenken an und konnten mich nachwirkend innerlich bewegen.
Auf den Schreibstil musste ich mich auf den ersten Seiten erst einmal einlassen. Der Text beinhaltet viele knappe Sätze, wodurch er auf mich erst mal etwas nüchtern wirkte. Hinzu kamen hin und wieder ein paar Kraftausdrücke von Lazy. Aber als ich mich daran gewöhnt hatte, entstand mit der Zeit eine einzige Wortgewalt, die sicherlich auch durch die wunderschönen philosophischen Elemente entfacht wurde.
FAZIT:
Die sprachliche Gestaltung in Verbindung mit bewegenden Themen, philosophischen Anteilen und tollen Protagonisten, machten diese Geschichte für mich besonders und zu einem absoluten Herzensbuch!
LIEBLINGSZITAT:
"(...) es gibt verschiedene Stillen - eine mit ein bisschen Meer drin, eine mit ganz wenig Grille und eine mit Palmblattflüstern -, die mag ich auch." (S.53)
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★★★★★
☆☆☆☆☆
Geschichte einer ungewöhnlichen Verbindung
Anne H. - Bewertet am 23.09.2018
Zustand: Exzellent
Vita Maier und Lazar Laval wohnen in einem Haus. Er zieht dort als kleiner Junge mit seinem Vater ein, sie lebte dort gefühlt seit Ewigkeiten mit ihrem Mann Jakob und Sohn Moritz. Sie hatten nichts miteinander zu tun. Was auch, wenn die ältere Dame aus irgendeinem Grunde nicht gerade als Ersatz-Omi… bei den Lavals eingesprungen wäre, welche Anknüpfungspunkte hätte die beiden haben sollen? Dann ging Lazar auf ein Internat, Vita hatte ihn fast vergessen. Nach dem Tod des Vaters erbt er die Wohnung und kehrt zurück. Vita bemerkt dies, registriert die roten Turnschuhe im Flur, die beiden Studenten, die dort leben, erkennt irgendwann den Jungen von damals – und sieht, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmt, es ihm offensichtlich nicht gut geht. Und sie nimmt sich seiner an, sie hat ja Zeit. Außer ihrem kleinen Job bei einer Hilfsorganisation hat sie nicht viel zu tun. Aus einer anfangs etwas angestrengt wirkenden Sache wird nach und nach eine Freundschaft, die beiden mögen einander und brauchen einander, der zwanzigjährige, kranke Lazar und die über siebzigjährige, körperlich eigentlich bis auf eine altersbedingte Arthrose und geistig noch voll auf der Höhe seiende Vita. Beide sind auf unterschiedliche Arten sehr einsam und wissen nicht so genau, was das Leben ihnen noch bieten soll, was sie noch vom Leben erwarten sollen – oder wollen. Sie teilen fortan ihren Alltag, ihre Sorgen, unternehmen eine Reise und fassen einen Entschluss.
Angelika Waldis erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen, tiefen Verbundenheit und Freundschaft zwischen diesen ungleichen Menschen, die doch soviel miteinander teilen können. Sie unterstützen einander, sind füreinander da. Insbesondere ihre Gedanken, in Form von „Leben ist….“ bringen ihre Gefühle und Überlegungen zum Ausdruck.
Dabei kommt ein von mir sehr geschätztes Mittel zum Trage – ein stetiger Perspektivwechsel, der der Autorin auch sprachlich wirklich gut von Lazy zu Vita und wieder zurück gelingt, jedem der beiden gibt sie eine eigene Stimme, nicht nur dadurch, dass seine Parts in der Ich-Form, ihre in der dritten Person verfasst sind.
Und eigentlich ist das auch alles rund, und durchdacht – aber es hat mich beim Lesen nicht ein einziges Mal angerührt. Die ganze Geschichte hat mich einfach sehr kalt gelassen. Schöne Sätze, kluge Sätze gibt es einige, zuvorderst immer wieder „Leben ist…“, aber nichts davon besitzt für mich eine tiefgehende Emotionalität, Empathie war bei mir nicht vorhanden. Und so richtig ist mir das erst nach dem Lesen aufgefallen und dann fand ich es merkwürdig, im Sinne von, das hätte ich im Nachhinein nicht erwartet, da das Buch doch ein solch hochemotionales Thema behandelt.
Fazit: eigentlich stimmt hier alles für mich – bis auf die Wirkung auf den Leser. Daher bleibt das Buch leider für mich enttäuschend flach und schöpft an dieser Stelle sein Potential nicht aus. Ideal wären hier wieder halbe zu vergebende Punkte: 3,5 von 5 – da das nicht geht, runde ich auf 4 auf, weil ich Idee und Stil ansonsten sehr gut fand.