Wie schon im letzten Jahr mit "Bullets Over Broadway" sorgte Woody Allen auch 1995 für eine der positiven Überraschungen auf der Biennale von Venedig. Seine Beziehungskomödie "Mighty Aphrodite" erinnert in ihren besten Szenen an jene Filme, die ihn zum wohl berühmtesten Stadtneurotiker der Kinogeschichte werden ließen. Allen kehrt nicht nur zu den Lieblingsthemen zurück, die er letztmals in "Hannah und ihre Schwestern" so trefflich karikiert hatte, er ist auch selbstsicher und selbstironisch genug, um Anspielungen auf das skandalträchtige Ende seiner Lebensgemeinschaft mit Mia Farrow in seine Geschichte zu weben. Dieses Element und die Tatsache, daß er wieder selbst eine Hauptrolle übernommen hat, dürften ein gesteigertes Publikumsinteresse garantieren. Der deutsche Verleih, der den Zuschlag für dieses Kleinod erhält, wird mit diesem klassischen Allen-Werk fraglos seine Freude haben. Allen spielt den Sportjournalisten Lenny, der mit seiner Frau Amanda (Helena Bonham-Carter) ein glückliches Eheleben zu führen scheint. Die Zweisamkeit wird getrübt, als die Gattin vehement nach Nachwuchs verlangt. Der beruflichen Karriere wegen kommt für sie nur eine Adoption in Frage. Lenny wehrt sich verzweifelt, doch wenige Wochen später ist er Papa eines Knaben. Die Jahre vergehen, der Sohnemann gedeiht prächtig, und der Vater wider Willen ist plötzlich mächtig stolz auf seinen Kleinen, so stolz, daß er die wahre Mutter seines Kindes ausfindig machen will. Nachdem Lenny sich Namen und Adresse verschafft hat, setzt er sich mit Linda Ash (Mira Sorvino) in Verbindung. Diese entpuppt sich als leidlich naives, aber herzensgutes blondes Püppchen, das sich als drittklassige Pornodarstellerin über Wasser hält. Lenny fühlt sich sofort zu ihr hingezogen. Doch erst als er erkennen muß, daß ihn seine Frau betrügt, findet er den Mut, Linda seine wahren Gefühle zu erklären. Damit löst er eine Kette von abstrusen Irrungen und Wirrungen aus. In "Mighty Aphrodite" setzt Woody Allen die Beziehungskrisen moderner Menschen aus Manhattan in direkten Kontext mit der griechischen Mythologie. Dazu verläßt er immer wieder die aktuelle Erzählebene und läßt einen in einem Amphitheater versammelten Chor zu Wort kommen, der Lennys Schritte peinlich genau verfolgt, dokumentiert und ironisiert. Allen geht sogar so weit, daß er beide Ebenen ineinander verschmelzen, die griechischen Schauspieler wie Geister in die New Yorker Realität eintauchen läßt. Diese ideenreichen Einschübe sorgen ebenso für Tempo und Amüsement wie Carlo Di Palmas exquisite Kameraführung und die zuweilen herzerfrischend deftigen Dialoge, die vor allem von Mira Sorvino ("Quiz Show") vorgetragen werden, die als blondes Dummchen mit Herz alle Register ihres Könnens zieht. Neben Allen verdient vor allem F. Murray Abraham ("Amadeus") als schelmischer Chorleiter höchstes Lob. "Mighty Aphrodite" ist sicher nicht der beste, aber ein äußerst typischer und zugleich konventioneller Allen-Film, ein unterhaltsames, intelligentes Kinovergnügen zum Dauer-Schmunzeln. lasso.
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