Neuverfilmung des Krimis von Agatha Christie, in der es Hercule Poirot mit zwรถlf Verdรคchtigen zu tun bekommt.
Treffende Worte: "Mord im Orient-Express" ist ein hinreiรend unterhaltsamer Film von der Art, wie man sie nicht mehr macht: ein klassischer Whodunit, in dem alle Indizien ausgebreitet werden und offen sichtbar sind, und er ist angefรผllt mit einer groรen und teuren Sammlung von Stars." Schrieb der legendรคre Roger Ebert 1974 รผber Sidney Lumets nicht minder legendรคre Adaption der ebenso legendรคren Vorlage von Agatha Christie aus dem Jahr 1934, die der legendรคren Ingrid Bergman einen Oscar einbrachte (und fรผnf weitere Nominierungen kassierte). Und kรถnnte man eins zu eins auch auf die Neuverfilmung รผbertragen, die Kenneth Branagh mit dem gewohnten Hang zur leichten รbertreibung verantwortet. Damals waren es neben Bergman u. a. Sean Connery, Anthony Perkins, Lauren Bacall, Michael York und John Gielgud, die von Hercule Poirot an Bord eines in einer Schneewehe feststeckenden und von der Auรenwelt abgeschnittenen Zuges von Istanbul nach Calais des Mordes an einem damals von Richard Widmark gespielten amerikanischen Millionรคrsekel verdรคchtigt wurden. An ihre Stelle treten jetzt Judi Dench, Michelle Pfeiffer, Penelope Cruz, Willem Dafoe, Derek Jacobi und Daisy Ridley, die womรถglich Johnny Depp ums Eck gebracht haben kรถnnten. Kenneth Branagh selbst spielt den belgischen Meisterdetektiv Schnurrbart zwirbelnd mit belustigtem Knattern und exzentrischen Manierismen, als wรผrden sich Monty Python vor allen bisherigen filmischen Poirots verneigen, vor Albert Finney, Tony Randall, Peter Ustinov und David Suchet. Ansonsten folgt der Film minuziรถs der bereits bekannten Handlung, sieht man von einem neuen Einstieg ab, in dem Genialitรคt und Exzentrizitรคt von Hercule Poirot etabliert werden, und ein paar virtuoser filmischer Kniffe, darunter eine begnadete Kamerafahrt entlang des titelgebenden Zuges, wรคhrend drinnen Poirot die Wagons an allen anderen Beteiligten vorbei entlangstreift. Hatte Lumets Film einen fast nostalgischen Schimmer, bevorzugt Branaghs Hauskameramann Haris Zambarloukos ("Thor", "Cinderella") einen klaren, beinahe klinischen Look, als wolle der Film dem Publikum zeigen, dass er, anders als die zwรถlf Verdรคchtigen, nichts zu verbergen hat. Mit Lumets Film gemein hat Branaghs Adaption, dass es nicht um Spannung oder Nervenkitzel geht; "Mord im Orient-Express" ist weniger Thriller als amรผsiertes Gesellschaftsstรผck, eine Sittenkomรถdie, die spielerisch und mรผhelos wirkt, aber doch das Kunststรผck vollbringt, dass der Zuschauer immer genau weiร, wo sich wer befindet, wie wer mit wem zusammenhรคngt: ein Kabinettstรผck der Jonglierkunst, die allen Schauspielern gerecht wird und jedem wenigstens eine groรe Szene schenkt, wรคhrend Poirots graue Zellen รberstunden machen mรผssen, weil jede neue Enthรผllung wieder neue Geheimnisse aufwirft und von der jeweils nรคchsten Aussage wieder in Zweifel gezogen wird. Wie Roger Ebert so richtig sagt: Solche Filme werden nicht mehr gemacht. Gerade das Altmodische ist sein Alleinstellungsmerkmal. Immerhin ist man so selbstbewusst, in der letzten Szene anzudeuten, dass "Tod auf dem Nil" als nรคchstes Krimikonfekt eine Mรถglichkeit sein kรถnnte. ts.