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★★★★★
☆☆☆☆☆
Ein eindringlicher Familienroman der etwas anderen Art
Miriam G. - Bewertet am 03.03.2020
Zustand: Exzellent
Das Ehepaar Lyle und Peg ist überglücklich, dass ihre einzige Tochter und ihr fünfjähriges Enkelkind Isaak so viel Zeit mit ihnen verbringen. Sie fühlen sich wieder jung und es lässt sie teilweise die Problem vergessen, die mit dem Altwerden im Allgemeinen verbunden sind. Doch schnell trübt sich das… familiäre Glück, denn es wird klar: Die Glaubensgemeinschaft, der sich Tochter Shiloh verbunden fühlt, ist radikaler als Lyle und Peg dachten.
„Ein wenig Glaube“ beginnt wie ein typischer Familienroman, der auf dem Land spielt: Der Leser lernt den alternden Lyle, den lebensfrohen Isaak, den religiösen Charlie und den sturren Hood kennen. Die Idylle der kleinen Apfelbaumfarm, des Pfarrhauses und des kleinen Gartens der Eheleute zieht einen sehr schnell in den Bann und versetzt einen direkt in die Handlung mit rein. Doch schnell wird klar: irgendetwas stimmt nicht. Der Roman steuert dabei sehr subtil und ohne es direkt anzusprechen, auf eine große Katastrophe zu, wodurch die Erzählung sehr spannend wird – ohne, dass überhaupt viel passiert. Stattdessen schwebt die Bedrohung immer über dem Alltagsgeschehen – was auch sprachlich sehr gut von Butler umgesetzt wird. Zunächst noch Kleinigkeiten, werden die Anzeichen immer deutlicher.
Dabei folgt der Leser in erster Linie Lyle und seinen Gedanken, auch die anderen Personen werden in erster Linie aus seiner Sicht geschildert. Konfliktpotentiale ergeben sich auch daraus, dass Lyle überhaupt nicht glaubt: Während Peg noch versucht, ihre Tochter zu unterstützen, auch wenn sie einige Aspekte nicht gut heißt, zieht sich Lyle durch seine ablehnende Haltung immer weiter von Shiloh zurück.
Auch wenn die Beschäftigung mit dem Glauben Shilohs im Mittelpunkt steht, thematisiert der Roman auch viele weitere alltägliche Probleme und Nebengeschichten, wie christlicher Glaube, Krankheit und Tod. Besonders gut hat mir dabei die atmosphärische Sprache gefallen, sodass man fast das Gefühl hat, mit Lyle auf der Apfelplantage zu arbeiten. Auch die Story – und insbesondere das Ende –, welche zudem auch auf einer wahren Geschichte basiert, ist trotz der teilweise mageren Handlung wirklich fesselnd.
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★★★★★
☆☆☆☆☆
Toller Schreibstil
Ingrid V. - Bewertet am 21.02.2020
Zustand: Exzellent
Lyle und Peg Leben derzeit mit ihrer Tochter und deren Sohn Isaac zusammen. Als sie sie das erste Mal in deren Kirche begleiten, spüren sie schnell ein Unbehagen. Doch Shiloh ist diese Kirche sehr wichtig und jedes Wort dagegen vertieft den Graben zwischen ihnen.
Besonders fand ich an dem Buch… das Amerika Feeling. Genauso habe ich Leute in den USA kennengelernt wie Lyle und Peg.
Und der Autor kann für schreiben bzw. die Übersetzung schafft interessante Sätze. Ich habe mir einiges markiert, weil es in wenigen Worten viel aussagt und ich nochmal darüber nachdenken möchte. Das Thema ist mir Glaube ein sehr persönliches und ich finde, dass der Autor des schafft viele Gedanken dazu zu formulieren ohne zu verletzen.
Bis zum Schluss war ich unsicher wie das Buch endet. Irgendwann war ich mir unsicher wie ich möchte, dass es endet. Sowohl ein Happy End als auch ein trauriges Ende hätte mich nicht glücklich gemacht. Mit dem Ende des Buchs bin ich aber sehr zufrieden. Und das obwohl ich ein großer Fan von Ende gut, alles gut bin.
Lyle ist mir echt ans Herz gewachsen. Schnell versteht man, warum er nicht mehr glaubt.
Fazit: Ein Buch, das mich noch länger beschäftigen wird. Das Thema wurde sehr gut getroffen.
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★★★★★
☆☆☆☆☆
Mühsamer Anfang entwickelt sich zu kraftvoller Geschichte!
Julia S. - Bewertet am 18.02.2020
Zustand: Exzellent
INHALT:
Lyle ist seit über 40 Jahren mit seiner Frau Peg verheiratet. Gemeinsam wohnen sie in einer ländlichen Gegend von Wisconsin.
Vor kurzer Zeit sind auch Tochter Shiloh und Enkelkind Isaac zu ihnen zurückgekehrt.
Die Großeltern lieben Isaac über alles. Doch sie machen sich ernsthaft Sorgen:… Ihre Tochter scheint sich einer radikalen Glaubensgemeinschaft angeschlossen zu haben. Plötzlich ist sie tiefgläubig, trägt vergleichsweise biedere Kleidung, trinkt keinen Alkohol mehr und zitiert die Heilige Schrift.
Schwebt der 5-jährige Enkel in Gefahr?
Doch sobald Lyle und Peg versuchen auf Shiloh einzureden, beginnt ihre Beziehung zur Tochter zu bröckeln und sie droht ihnen vollkommen zu entgleiten...
MEINUNG:
Geschichten über Sekten faszinieren mich schon lange. Es gibt Bücher die in dieser Kategorie wirklich unvorstellbar grausam und kaum lesbar sind, weil sie z.B. detailreich von Missbrauch schrecklichster Art berichten. Und es gibt Geschichten, die zwar weniger brutal erzählt werden, aber den Leser dennoch bewegen und zum Nachdenken anregen. Zu letzterer Art gehört auch "Ein wenig Glaube".
Besonders anfangs kommt einem der Schreibstil relativ unaufgeregt vor. Die Kombination aus weniger & ruhiger Handlung und sehr ausschweifenden Beschreibungen, haben es mir die ersten 90 Seiten etwas schwer gemacht. Wenn z.B. eine 3/4 Seite lang die Geräusche und Vibrationen eines vorbeifahrenden Zuges beschrieben werden, dann kann sich die Aufmerksamkeit beim Lesen schon mal verabschieden. ;)
Doch zum Glück habe ich weitergelesen, denn dann kam dann die Wendung!
Interessant wurde es für mich, als nach knapp 100 Seiten Shilohs neue Glaubensgemeinschaft näher beleuchtet wurde. Endlich kam die Geschichte ins Rollen! Von da an konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen und es gefiel mir immer besser und besser!
Lyle hat seit dem Tod seines kleinen Sohnes seinen Glauben verloren und bangt nun um Tochter und Enkelkind, die immer tiefer in die Fänge einer Sekte geraten. Mit Lyle konnte ich gut mitfühlen und durfte einige emotionale Situationen mit ihm erleben. Dadurch bin ich ihm als Protagonist schließlich sehr nahe gekommen und mochte ihn sehr. Besonders seine Liebe & Fürsorge zu Enkel Isaac wurde herzallerliebst beschrieben. So einen Großvater kann man nur jedem Kind wünschen!
Insgesamt wurde das Buch für mich noch zu einem sehr kraftvollen Werk, welches sich damit auseinandersetzt, was Glaube darf, und wann/ ob man andere davor beschützen sollte.
FAZIT: Nach einem etwas mühsamen Anfang, entwickelte sich das Buch zu einer tollen, kraftvollen Geschichte, die noch eine ganze Weile zum Nachdenken anregt. Leseempfehlung und 4-4,5/5 Sterne!
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★★★★★
☆☆☆☆☆
Gefährliche Verblendung
Anne H. - Bewertet am 17.02.2020
Zustand: Exzellent
Lyle und Peg Hovde sind überglücklich, als ihre Tochter Shiloh nach ein paar wilden Jahren mit ihrem kleinen Sohn Isaac zurück zu ihnen zieht, ins ländliche Wisconsin. Insbesondere der kleine Enkel bringt fortan einen ganz neuen Aktivitätsschub in ihr Leben und sie genießen ihre Großeltern-Zeit.… Insbesondere Lyle und Isaac haben eine enge Beziehung, der „alte“ und der „kleine“ Kumpel verbringen viel Zeit miteinander, während Peg es genießt ihre geliebte Tochter wieder um sich zu haben. Shiloh wurde von den beiden adoptiert und es wirkt so, als ob die beiden deshalb fast noch ein bisschen glücklicher darüber sind, sie als Kind haben zu dürfen. Warum genau Shiloh zu ihren Eltern zurückkam, wird nicht ganz klar, denn sie beginnt schnell, einer neuen allzu engen Bindung den Riegel vorzuschieben. Sie gehört einer kirchlichen Gemeinschaft an, die sich in einer nahen Kleinstadt namens La Crosse eine Gemeinde aufgebaut hat. Deren Prediger Steven hat eine Beziehung mit Shiloh, und in jedem Fall eine Menge Einfluss. Obwohl Lyle seinen eigenen Glauben vor langem verloren hat und Peg eigentlich fest in ihrer protestantischen Tradition verankert ist, besuchen die beiden gemeinsam mit ihrer Tochter die Gottesdienste der Gemeinschaft. Schnell wird vor allem Lyle klar, dass ihm die gesamte Konstellation nicht koscher erscheint, die Haltung der Gemeinschaft zu bestimmten Themen ist sehr rigoros – und schwer nachvollziehbar. Doch jede Kritik oder vorsichtige Nachfrage führt dazu, dass Shiloh damit droht, den Eltern den Kontakt zu ihr und vor allem Isaac gänzlich zu untersagen, selbst in extremen Situationen ist sie rationalen Argumenten – und Tatsachen – gegenüber nicht mehr empfänglich. Wie vorhersehbar, führt alles irgendwann zu einer Eskalation mit ungewissem Ausgang.
Seit „Die Herzen der Männer“ bin ich ein großer Freund von Butlers Stil. Seine genaue Beobachtungsgabe, sein feinfühliges Gespür für leise Töne bei großen Themen und vor allem auch hier wieder, der Blick eines männlichen Protagonisten auf einen Themenkomplex, der so gerne als weiblich besetzt oder dominiert dargestellt wird. Die klassischen 3K -Kinder Küche Kirche. Vergessen werden sollte jedoch nicht, dass selbstverständlich die Männer sich ebenfalls in diesem Feld bewegen – ihr Alltag dadurch bestimmt wird. Der Leser erlebt am Beispiel von Lyle so unittelbar mit, wie er zum einen die Zeit mit Isaac genießt, wie wohl er sich fühlt, Geschichten und Erfahrungen weitergibt und auf der anderen Seite, wie sehr er darunter leidet, was durch Shilohs völlige Ausrichtung nach den Glaubenssätzen ihrer Kirche dann geschieht. Wunderschön fand ich das Motiv der Apfelplantage, auf der Lyle tätig ist. In meinen Augen setzt Butler sie als Allegorie zu den anderen Geschehnissen im Buch ein.
Für mich persönlich, sehr rational, eher agnostisch als gläubig, auf jeden Fall evolutionistisch und nicht kreationistisch, ist das alles, was hier geschieht, sehr schwer fassbar. Ich kann einfach nicht nachvollziehen, dass Menschen so denken und handeln – man könnte glatt sagen, mir fehlt der Glaube… aber ich weiß natürlich, dass es das gibt. Und das ist tragisch. Aber auch das ist ja meine Außensicht, meine naturwissenschaftlich geprägte, „unverständige“ Art. Ich finde es sehr schwierig zu beschreiben, was ich darüber denke, eigentlich möchte man/möchte ich sagen, „ich weiß es besser, ihr seid auf dem Holzweg, ihr seid gemeingefährlich, für euch, für andere, das ist Fahrlässigkeit bis zum schlimmsten“ – und andererseits glaube ich an die Prämisse, dass jeder für sich entscheiden müssen darf, was er glaubt, solange es in den Grenzen der Gesetzgebung stattfindet UND aber auch, solange nicht das Wohl eines Menschen gefährdet ist, der diese Entscheidung nicht getroffen hat. Deshalb habe ich ein Problem mit nicht-impfenden Eltern, deshalb möchte ich auch Shiloh hier im Buch am liebsten an den Schultern packen und schütteln. Diese Grenze auszuloten, ist nicht nur eine der im Buch angesprochenen Schwierigkeiten des Themas.
Fazit: Nickolas Butler hat es wieder geschafft, mich weit über die Lektüre hinaus mit der Thematik seines Romans zu beschäftigen. Mehr geht nicht.