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★★★★★
☆☆☆☆☆
Ein sehr trauriges Buch
Miriam G. - Bewertet am 29.06.2020
Zustand: Exzellent
Dad Lewis wird sterben. Etwa einen Monat geben ihm die Ärzte noch – doch er ist nicht allein. Seine Frau und seine Tochter kümmern sich rührend um ihn und auch die Nachbarschaft unterstützt ihn, wo sie kann. Doch seinen Sohn Frank, den er wegen seiner Homosexualität verstoßen hat und zu dem seit… vielen Jahren kein Kontakt mehr besteht, wird er vermutlich nie wieder sehen.
Zwar steht Dad Lewis, seine Familie und wie alle drei mit dem nahenden Tod umgehen im Mittelpunkt der Handlung, doch Nebenstränge beleuchten das (traurige) Schicksal vieler weiterer Einwohner. Die Handlung von Kostbare Tage ist im fiktiven Örtchen Holt angesiedelt. Holt liegt weit ab vom Schuss, sehr ländlich zwischen trockenen, landwirtschaftlich betrieben Feldern. Denver als nächstliegende Großstadt ist mehr als zwei Autostunden entfernt, sodass die Bewohner Holts eine eingeschlossene Gemeinschaft bilden – teils mit sehr konservativen Ansichten. Das muss auch Pfarrer Lyle erfahren, der mit seiner Familie aufgrund eines Zwischenfalls von der Großstadt nach Holt versetzt wird. Mit seinen modernen Ansichten, auch in Bezug zu Homosexualität, eckt er bei vielen Bewohnern an. Auch das Schicksal von Mutter und Tochter Johanson und das der kleinen Alice ist bewegend.
Kurzum: Kostbare Tage ist ein unheimlich trauriges Buch und nichts für Zartbesaitete, die nach Wohlfühlunterhaltung suchen. Hoffnungsschimmer gibt es wenige, nahezu jede Person hat einen Verlust erlitten und leidet auf ihre Art und Weise. So thematisiert Kent Holt nicht nur Themen wie Krebs, Homosexualität und das Verlassenwerden, sondern auch den Verlust eines Kindes, das Scheitern von Beziehungen und Selbstmord. Die Sprache ist dabei sehr einfühlsam und passt gut zu dem Erzählten.
Generell hat mir das Buch sehr gut gefallen, es berührt einen wirklich und die Atmosphäre ist nah und lebensecht. Dennoch bleiben mir die Figuren zu oberflächlich, insbesondere wenn sie miteinander sprechen. Die Dialoge sind oft sehr simpel aufgebaut und erlauben selten Einblick in die Person selber. Abfolgen sinngemäß etwa wie: „Wie geht’s es dir?“ – „Ich komme zurecht.“ – „Sag bescheid, wenn du Hilfe brauchst.“ kommen mehrfach vor und sind mir einfach zu platt. Auch finde ich, dass der Autor seinen Figuren teilweise ein zu hartes Schicksal zugeordnet hat – ein glückliches Leben führt keine von ihnen.
Trotz dieser kleinen Kritikpunkte kann ich den Roman aber empfehlen.
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☆☆☆☆☆
Wertvolle Zeit
Anne H. - Bewertet am 08.06.2020
Zustand: Exzellent
Nichts ist so relativ wie Zeit. Sie fliegt, sie kriecht und alles dazwischen. Man blickt auf die Uhr, und nur Minuten sind vergangen, obwohl man dachte, es sei viel mehr gewesen. Man blickt auf den Kalender und ein Jahr ist vergangen wie nichts. Endlos erscheinende Schulstunden - Zeit quält. Zeit in… angenehmer Gesellschaft verbracht, vielleicht noch bei schönem Wetter, Zeit zum Genießen. Tage, die sich aneinanderreihen, gleich und eintönig, oder jeder birgt ein neues Abenteuer. Tage werden endlich, wenn jemand sagt, du hast nicht mehr viele, und dann wiegen sie schwerer als zuvor.
Kostbare Tage von Kent Haruf widmet sich diesem Thema. Schauplatz ist wiederum, wie in allen seinen Werken, die Kleinstadt Holt in Colorado. Eisenwarenhändler Dad Lewis bekommt die Endlichkeit seiner Tage durch eine medizinische Diagnose aufgezeigt und fortan begleitet der Leser ihn auf seinen Tagen, die von Erinnerungen, Begegnungen und irgendwann auch dem Fortschreiten der Erkrankung gekennzeichnet sind und geprägt werden von den Menschen um ihn herum. Seine Frau Mary, seine Tochter Lorraine, Sohn Frank. Sie werden zu einem Gesamtbild seiner Geschichte. Und wie in einer Kleinstadt üblich, spielt auch die Vernetzung mit hinein, seine Angestellten, die Nachbarschaft, die Kirchengemeinde. Alle erleben diese Tage mit ihm und doch ihre eigenen Tage, mal mehr oder mal weniger kostbar, der Autor lässt den Leser einfach beobachten und teilhaben.
Kent Haruf ist ein großartiger Erzähler. Er erzählt ganz viel Kleines, alltägliches: Gespräche, Begegnungen, und einfach nur das normale tagein-tagaus der Menschen, ihre Gefühle, ihre Erinnerungen, die kleinen Aufreger in der Kleinstadt. Wieder ergibt sich ein Gesamtbild eines Nebeneinanders und Miteinanders, das mich schon in „Lied der Weite“ sehr begeistert hat, hier empfinde ich es jedoch als noch berührender und persönlicher, vielleicht einfach, weil die Geschichte mehr Tragik aufweist. Er erfindet so stimmige Personen, die dem Leser wirklich nahe gehen und jede ihre Eigenheiten hat, egal ob Mary und Dad, Lorraine, die schrullig-liebenswerten Johnsons, Nachbarin Bertha May und Enkelin Alice oder der neue Pfarrer Rob Lyle.
Die ganze Erzählweise ist ganz nah an den Menschen und schließt den Leser sehr gekonnt mit ein. Das ruhige, entschleunigte Tempo ist eventuell für den ein oder anderen Leser gewöhnungsbedürftig, aber wenn man einmal erkennt, wie viel Philosophie im Alltag, wie viel Großes im Kleinen steckt, kann man eigentlich nur zum Schluss kommen, dass es äußerst schade ist, dass der Autor nur sechs Werke verfasst hat, denn er hat wirklich etwas zu vermitteln.
Fazit: absolute Leseempfehlung. Es war nicht mein erstes Buch des Autors und die erneute Begegnung mit ihm hat mich sehr gefreut, noch mehr freut mich, dass ich noch nicht alles von ihm gelesen habe sondern ihn auch zukünftig wieder nach Holt begleiten darf.