Warmherzige Familiengeschichte, die universell ist, aber auch fein und präzise von kulturellen Unterschieden erzählt. Lulu Wang, Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin, empfiehlt sich mit ihrem zweiten Film als Director to Watch. Als solche wurde sie in Palm Springs ausgezeichnet. Mit ihrem Film - produziert u.a. von den Firmen von Chris Weitz und dem "Little Miss Sunshine"-Produzenten Marc Turtletaub - erregte sie beim Sundance Festival große Aufmerksamkeit und wurde bei den Independent Spirit Award nominiert. Im Zentrum steht ein "Hochzeitsbankett" bzw. dient als Ablenkung für eine "gute Lüge" und stehen "Lügen und Geheimnisse". Auch bei Ang Lees Karrieresprungbrett ist eine Lüge für die Familie Ausgangspunkt, steht eine Figur zwischen zwei Kulturen im Zentrum.
Hier ist es die New Yorkerin Billi, die als Kind mit ihren Eltern von China in die USA emigrierte und nun zurückkehrt in die ehemalige Heimat, um an der Hochzeit ihres Cousins teilzunehmen bzw. in Wirklichkeit, um sich von ihrer geliebten Oma zu verabschieden, die todkrank ist. Doch die Familie hat beschlossen, ihr nichts von der schweren Krankheit zu sagen, um sie zu schonen. Billi - und mit ihr der Zuschauer - kann das nicht verstehen, ja, ist entrüstet, wie man ihr die Wahrheit vorenthalten kann. Im Laufe des Filmes beginnt sie- und ein bisschen auch der Zuschauer - es tatsächlich zu verstehen.
Wunderbar und mit welcher Einfachheit, Leichtigkeit, Wang den Kulturschock und das Verbindende schildert. Es ist zum Heulen und zum Lachen, aber nicht kitschig oder platt. Die Großfamilie beim Essen - ein typisches Motiv - in der engen Wohnung der Oma oder beim Bankett im Saal - arrangiert Wang wie ein Foto bzw. wie auf der Theaterbühne - ohne sie auszustellen. Absurden Humor, Slapstick und tiefgreifende Gefühle vereint Wang im Film, auch in einer Einstellung. Etwa wenn beim Hochzeitsfotografen im Hintergrund das junge chinesisch-japanische Hochzeitspaar verzweifelt vor der Kamera posiert, während die Rosa-Herz-Deko umfällt, und im Vordergrund Enkelin und Großmutter ein ernstes Gespräch führen.
Dass man dieser Familie gerne folgt, auch in gesichtslose Hochhäuser und auf den Friedhof, liegt auch an der ausgezeichneten Besetzung. Rapperin Awkwafina, im asiatisch-amerikanischen Komödienhit "Crazy Rich" und in "Ocean's 8" zu sehen, überzeugt in ihrer ersten Hauptrolle, funktioniert perfekt als zurückhaltende Identifikationsfigur. Die Show stiehlt Zhao Shuzen, eine Mutter Beimer oder Inge Meysel Chinas, als Oma Nai Nai. Schön ist, dass das Ensemble zum großen Teil Mandarin spricht und nicht weichgespült mit Akzent. Die Sprachbarrieren tragen viel zur Authentizität des Films bei und sind auch inhaltlicher Bestandteil. Die Heldin setzt sich in dieser Selbstwerdungsgeschichte und Education sentimentale ernsthaft mit ihren Wurzeln auseinander. So wie es auch Lulu Wang getan hat. Ihr Film ist stark autobiografisch inspiriert, das Thema setzte sie vorab bereits als Radiofeature um, und basiert auf einer Lüge -wie es dem Film vorangestellt heißt, einer echten und vielleicht guten Lüge - das kann jeder für sich herausfinden bei dieser mitreißenden Independent-Tragikomödie. hai.