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Der Umwelt zuliebe

Aus der Sammlung der Gespenster

Gerd Sonntag (Taschenbuch, Deutsch)

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  • Könnte ein Mängelexemplar sein oder ein abweichendes Cover haben (z. B. Clubausgaben)
  • Gut für den Eigenbedarf geeignet
Beschreibung
SELBST MIT ZWEI KREISEN Die freie Hand, der Pinsel zuckt, wird grob, schlägt und hämmert, kriecht, schwer von Farbe, sticht zu und kratzt, spurt Furchen, schürt wirbelnd die Oberfläche, brandig rauht sie auf, im extremen Impasto flammen Ekzeme, schrundig schwitzende Pigmente, Pocken schwellen, und endlich bricht Tiefe auf, derart, daß das Auge nur kurz nach Struktur und Form sucht und schnell zu weniger unbestimmten Teilen schweift. Im Chiaroscuro kriecht der Schatten das schneckenbleiche Inkarnat hoch wie ein Strumpf, und die Windungen der Seele sind nicht mehr verständlich. Erste Blickauslassungen Sechzehnhundertzweiundvierzig, ein Jahrhundert ohne Ironie, ohne Marienerscheinungen, aus dem der Fortschritt sich mühselig zu Fuß entfernt. Hie und da rumpelnde Pestkarren und Ratten, die sich auf Türschwellen sonnen. Noch im August sind die Blicke der Damen in ihren Mühlsteinkragen kühl wie die seidene Stoffalte, die ein Finger entlangstreicht. Aber im eisglatten Spiegel knistert die Frostschmelze des Barock und des Meisters Knurren in ruwer manier, Abstand zu nehmen, tunlichst, der Geruch der feuchten Farben könnte die Nase beleidigen. Kladdery (Lairesse). Die Liefhebbers der Kunst nehmen den Hut. Man wittert die Unvollendung der Seele, doch über dem tierischen Leim hellt sie sich auf und zeigt sich in naetureelster Beweechgelickheit. Smokarbeit. Die Palette ein Abstrich, auf ihr tanzt der Pinsel Pirouetten. Rembrandt van Rijn, d’eersame en wijtvermaerde schilder, ewiger Müllerszoon, Haarwolken unter dem mehlweißen Barett, wilder Witwer, ein Sträußchen Pinsel in der schweren Hand, wie er sechzehnhundertfünfundsechzig vor den knisternden Spiegel tritt. Ein Tumor in seiner Angst, ein Tumor zu sein, denkt den ganzen Kopf verrückt, anders die Seele. Unablässig schickt sie ihr Bild in die Wildnis, zu der sie als nächstes drängt, und diese Nachricht empfängt, wer vor ihr dort anlangt. Rembrandt ist da. Und scheu, als müsse heute unser Blick seinen Weg nehmen, treten wir an seiner Stelle vor sein Spiegelbild und fühlen, wie unmöglich unser Wunsch nach Nähe ist. Die Terra incognita der Seele bleibt unberührt. Die Tür steht einen Spalt offen, aber kein Geräusch dringt ein, und das Unerwartete bleibt dem Auge verborgen. Vier Jahre vor dem Ende ist dieses Bild Rembrandts Prüfung seiner Liebe zu sich selbst, in der alle Tragödien sich erschöpft haben. Er ist der andere, dem er wiederbegegnet. Das in Schatten gesunkene Raubtierauge bemerkt, wie ruhig der Tod das fließende Leben beschleunigt und ihm die neue Richtung gibt, die keine Liebe erwartet. Es ist der helle Instinkt, der kein Auge zutut, der eigene Wolfsblick auf den menschlichen Makel, der ihn in seiner Haltung bestärkt. Die sich lockernde Gier. Die Geilheit, die nicht mehr ins Bett will. Der Tod beginnt sein Werk mit einem Pickel auf dem Ohrläppchen, er läßt die kräftigen Locken welken und rumort in den Falten des Schmerbauchs, ein tierisches Seufzen aus den Därmen. Dieser Blick taugt für Feinde, während im Schlafsaal des spinhuis es nach Käse riecht und die Irren ihren Wahnsinn zu einem logischen Schluß träumen, aus dem sie herausfallen müssen und erwachen, stumm, die hellen Gesichter wie Marmor, auf dem kein Schatten haften kann. Die Natur selbst weigert sich, irgendeine Freude an der Erscheinung solcher Personen zu erkennen zu geben. Wieviel abgeschmackter also für ein Gemälde, solche Dinge zu zeigen? (Lairesse) Monokultur der Noblesse. Eisiges Waffenklirren des Tafelsilbers auf Delfter Porzellan. Geist stürzt in sein Gedächtnis und kehrt auf der abgewandten Seite des Lebens zurück. Hilflose Liebe, in der die Pornographie gedeiht oder Gott; sein Double, der alte Mensch. Und Gott tritt aus diesem Knoten von Zufällen, die der Mensch ist, zu beider Erlösung hervor, dat men daer wijt ken afstaen. Die Trennung der Kreise und das Kunstwerk vollendet, das Vornehmen ist nun erreicht, bricht Rembrandt hier ab. Ein Reisender durch die eigene Einsamkeit, der den Blick nicht senkt, wenn der Spiegel sich überzieht mit einem Netz von Rissen. Und eine Dünung von Liebe durchweht diesen Körper wie den eines Gespensts, so, als atme er aus, als atme man lange aus, erwidernd den Blick eines andern.
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Technische Daten


Erscheinungsdatum
14.03.2003
Sprache
Deutsch
EAN
9783932497858
Herausgeber
Wiesenburg
Sonderedition
Nein
Autor
Gerd Sonntag
Seitenanzahl
60
Auflage
1., Auflage
Einbandart
Taschenbuch
Buch Untertitel
Gedichte
Schlagwörter
Lyrik, Gedichte
Höhe
210 mm
Breite
14 cm

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