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'Eines Tages werden sie diesen hergelaufenen Anstreicher noch zum Reichskanzler machen', sagte er mit Hohn in der Stimme. Die Familie war zu seinem Geburtstag in der Steinstraße versammelt. Es war November, ein ungemütlicher, kalter Tag, doch der große Kachelofen im Salon verbreitete Wärme. Keinem in der Familie war so recht nach Feiern zumute, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Franz Raiter nickte zu den Worten seines Schwiegervaters, sagte aber nichts, da er seine eigenen Bedenken hier nicht ausbreiten wollte. Auch Therese sagte nichts, ihr waren die Gespräche über Politik zuwider, schon deshalb, weil sie gar nichts von den Zusammenhängen verstand oder verstehen wollte. Die Großmutter murmelte etwas von der bösen rechten Presse, die alles in Grund und Boden verdammte, was die Professoren der Landeskunstschule ausstellten. Rose saß auf ihrem Kindersessel nicht weit vom Ofen, eigentlich war sie schon zu groß dafür, aber sie zwängte sich immer noch gern hinein. Die Zwillinge standen hinter Mutters Stuhl, als hielten sie dort eine Art Schildwache. Sie wusste auch nicht, wie ihr auf einmal dieser Gedanke kam, Mutter hätte einen ritterlichen Schutz nötig. Roberts Augen funkelten, als Hitlers Name fiel, doch war er klug genug, zu schweigen. Jochen dagegen senkte den Kopf, sein Gesicht verriet nichts von dem, was er dachte. Sie gingen schweigend nach Hause, verfroren und eilig, froh, dass diese ungemütliche Kaffeestunde vorbei war. Robert hatte immer neue Heimlichkeiten, bis jetzt wusste außer Jochen niemand davon. Die Besuche bei Bernds Vater waren nur ein kleiner Teil, seine Ausflüge dehnten sich inzwischen in eine ganz andere Richtung aus. In der Ostendstraße nahe beim alten jüdischen Friedhof trafen sie sich, nicht die Freunde aus der Schule, sondern Arbeitersöhne, die selbst schon eine Lehre angefangen hatten. Einmal hatte Jochen seinen Bruder zu einem solchen Treffpunkt begleitet, dann war er nie wieder mitgegangen. Es kamen viele Dinge zusammen, die den Graben zwischen den Brüdern immer tiefer werden ließen. Jochen wusste nicht mehr, was in seinen Bruder gefahren war, dass er sich mit jungen Burschen umgab, die grob und ungehobelt redeten, die vor keiner Prügelei zurückschreckten und die auch in ihrer Kleidung nicht sehr anziehend wirkten. Leider kamen sie nun nicht immer gleichzeitig nach Hause, oft genug fragte die Mutter, wo Robert denn so lange bliebe, und leider sagte Jochen oft genug: 'Ich weiß es nicht.' Robert hatte die großartige Genugtuung, dass Bernd sein enger Freund wurde, und dass Herr Lowitz sie in ihrem Umgang bestärkte. 'Wir brauchen die Arbeiter der Faust', sagte er, 'nicht nur die der Stirn', ein Schlagwort, das Robert ungemein gut gefiel. Aber als er einmal in der Schule so etwas verlauten ließ, bekam er vom Professor Hermann, ihrem Deutschlehrer, eine gewaltige Abfuhr. 'Wo hast du denn solchen Unsinn aufgeschnappt?' fragte er, 'ich hoffe, dein Vater lässt dir so etwas nicht durchgehen.' Robert sagte nicht, wo er das aufgeschnappt hatte, sondern antwortete nur: 'Nein, Herr Professor.' Auch zu Jochen sprach er nicht mehr über Bernds oder Herrn Lowitz' Ansichten. Für Jochen war es eine schlimme Zeit, ihn schmerzte Roberts Entfernung wie eine körperliche Wunde. Für ihn war es neu, auf einmal von seinem zweiten Ich getrennt zu sein. An einem dunklen Nachmittag Ende November kam Robert mit einer blutenden Wunde am Kopf und ohne Fahrrad nach Hause. Was da in der Dämmerung neben dem jüdischen Friedhof geschehen war, wollte er keinem erzählen. 'Ich bin gestürzt', murmelte er nur, als die Mutter ihn im Badezimmer auf einen Stuhl drückte und ihm Blut, Schweiß und Tränen vom Gesicht wusch. Rose musste zu Dr. Wollgast laufen, der zum Glück ganz in der Nähe wohnte. Aber auch als der kam, die Wunde reinigte und verpflasterte, wollte Robert nicht reden. 'Lasst mich doch in Ruhe', sagte er nur, warf sich auf sein Bett und starrte an die Decke. Selbst seinem Vater sagte er nichts, als der am Abend eine dringende Befragung versuchte. Jochen hatte inzwischen gelernt, zu schweigen, obgleich er sich denken konnte, was sie mit Robert gemacht hatten. Die neuen Freunde, so wie der Bruder sich das einbildete, waren keine Freunde, soweit hatte Jochen das längst begriffen. Das Treffen hatte begonnen wie immer. Sie standen etwas verfroren auf der nasskalten, nebligen Straße, Robert lehnte wie immer sein Fahrrad an einen Laternenpfahl und steckte die Hände tief in die Taschen seiner warmen Jacke. Keiner von den fünf anderen, die gekommen waren, hatte eine solche Jacke, auch Bernd nicht, und das Fahrrad war schon lange ein Ziel begehrlicher Blicke. An diesem Nachmittag wusste keiner so recht, was er sagen sollte, jeder hätte wohl lieber in einer warmen Stube oder Küche gesessen. Bernd trat etwas gelangweilt von einem Fuß auf den anderen, bis Robert auf einmal sagte: 'Eigentlich muss ich nach Hause und etwas für die Schule arbeiten.' Das war leider ein ganz und gar falsches Stichwort, höhnisches Gelächter kam auf, und Worte wie Herrensöhnchen und Musterknabe flogen hin und her. Robert wurde richtig wütend und kramte alle möglichen Schimpfworte hervor, wohl immer im Vertrauen, dass Bernd ihm schon helfen würde. Aber der dachte gar nicht daran, er stand unversehens in der Reihe derer, die Robert immer näher rückten. 'Was soll das, Bernd, seid ihr verrückt?' Aber es war schon zu spät.
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Technische Daten


Erscheinungsdatum
30.08.2011
Sprache
Deutsch
EAN
9783869913742
Herausgeber
Monsenstein und Vannerdat
Sonderedition
Nein
Autor
Eva Nöldeke
Seitenanzahl
318
Einbandart
Taschenbuch
Buch Untertitel
Roman
Höhe
190 mm
Breite
12.3 cm

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