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★★★★★
☆☆☆☆☆
Die Tanzenden
Stephanie p. - Bewertet am 23.04.2020
Zustand: Exzellent
Ganz Paris will sie sehen: Im berühmtesten Krankenhaus der Stadt, der Salpêtrière, sollen Louise und Eugénie in dieser Ballnacht glänzen. Ob die Hysterikerinnen nicht gefährlich seien, raunt sich die versammelte Hautevolee zu und bewundert ihre Schönheit gerade dann, wenn sie die Kontrolle… verlieren. Für Louise und Eugénie aber steht an diesem Abend alles auf dem Spiel: Sie wollen aus ihrer Rolle ausbrechen, wollen ganz normale Frauen sein, wollen auf dem Boulevard Saint-Germain sitzen und ein Buch lesen dürfen, denken und träumen und lieben dürfen wie die Männer.
Mit verblüffender Lebendigkeit erzählt Victoria Mas in »Die Tanzenden« vom Aufbruch derer, die sich nicht zufriedengeben, von berührender Solidarität und unbeirrbarem Mut.
Victoria Mas Schreibstil ist flüssig und bildgewaltig. Man fühlt sich beim Lesen direkt in die Handlung versetzt und kann dieser problemlos bis zum Ende folgen. Mich konnte das Buch von der ersten Seite an fesseln und ich habe es daher binnen kürzester Zeit beendet. Besonders gut gefällt mir, dass die Autorin das bedrückende Thema locker, teilweise sogar humorvoll beschreibt aber nicht ins Lächerliche zieht und es ernst nimmt. Dennoch bin ich mit der Umsetzung des Themas Psychiatrie nicht ganz zufrieden, da mir hier einfach zu viel Potenzial verloren ging (aber dies könnte auch an meinem beruflichen Hintergrund liegen). Da ich mich selbst viel mit der Psychiatrie im 19 Jahrhundert und den damaligen Methoden beschäftigt habe, fand ich diesen Roman zu positiv. Mir hat die Kritik an den damaligen Behandlungsmethoden gefehlt. Das Gesamtbild der Psychiatrie erschien mir insgesamt zu positiv und hat meine Erwartungen an den Roman daher leider nicht ganz erfüllt. Ganz im Gegenteil hatte ich beim Lesen oftmals den Eindruck, dass die unmenschlichen Behandlungsmethoden klein geredet oder gar übersehen wurden, ich hatte hin und wieder sogar den Eindruck, dass es ja gar nicht schlimm war zur damaligen Zeit in die Psychiatrie eingewiesen zu werden.
Die Protagonisten sind allesamt interessant und hätten sehr viel Potenzial, aber leider waren sie für mich oftmals nicht gut genug ausgearbeitet. Gerade Therese fand ich etwas fehl am Platz. Therese kann Geister sehen und mit ihnen in Kontakt treten. Meiner Meinung nach ist sie zwar ein gutes Beispiel für eine psychisch kranke Frau, aber zum Darstellen, dass gesunde Frauen zu Unrecht in der Psychiatrie festgehalten und dort unmenschlich behandelt werden, ist sie nicht geeignet. Aber auch die Hauptprotagonistin Louise hätte bezüglich der im Klappentext angekündigten Themen Mut und Solidarität deutlich mehr Potenzial gehabt. Sie blieb mir insgesamt leider etwas zu blass und zu wenig ausgearbeitet.
FAZIT:
Da ich selbst mit psychisch kranken Menschen arbeite und im Studium viel über die historische Entwicklung der Psychiatrie gelernt habe, war ich richtig gespannt auf „Die Tanzenden“ und die Umsetzung eines wirklich wichtigen Themas mit viel Potenzial. Leider konnte mich die Umsetzung nur bedingt begeistern, da allen voran die Protagonisten nicht facettenreich genug waren. Daher vergebe ich 3 Sterne!
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☆☆☆☆☆
Dieses Buch hat mich sehr berührt, das hätte ich im Vorfeld so nicht erwartet
Michael S. - Bewertet am 13.04.2020
Zustand: Sehr gut
Es geht um das Leben der Kranken im Hôpital de la Salpêtèrie in Paris. Einer psychiatrischen Klinik im Jahr 1885. Die Patientinnen werden in der Rolle von Hysterikerinnen öffentlich zur Schau gestellt. Wer dort einmal als Patient aufgenommen wurde, hat es selten wieder hinaus geschafft. Es ist ein… sehr bedrückender Eindruck, den uns die Autorin hier gibt. Es ist natürlich ein Roman, aber zu wissen, dass sich Solches tatsächlich ereignet hat, hat mich sehr berührt.
Wir lesen in diesem Roman von Louise, Eugénie, Thérèse und Geneviéve. Anhand dieser fiktiven Personen macht die Autorin sehr deutlich, was damals dort geschehen ist.
Der Schreibstil ist so berührend und mitfühlend, dass ich das Buch mit den insgesamt rd. 230 Seiten relativ zügig gelesen hatte.
Eine sehr besondere Empfehlung zum Lesen!
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★★★★★
☆☆☆☆☆
Beeindruckend und bedrückend
Anna O. - Bewertet am 09.04.2020
Zustand: Exzellent
Das Cover dieses Buches mutet federleicht und fröhlich an, doch die Geschichte ist es keineswegs.
Der Roman spielt in Paris Ende des 19.Jahrhunderts. Insbesondere für Frauen war dies keine leichte Zeit. Bereits ein geringes Abweichen von der Norm konnte dazu führen von Vater oder Ehemann in die… Salpêtrière, eine berühmt-berüchtigte Nervenheilanstalt, eingewiesen zu werden.Dort vegetieren die Frauen vor sich hin oder werden vom führenden Neurologen Jean-Martin Charcot in wöchentlichen Vorlesungen einem breiten Publikum vorgeführt. Der Arzt ist sich sicher, dass die Frauen an Hysterie leiden, einem Oberbegriff unter dem ein breites Spektrum an Krankheiten zusammengefasst wird. Mit Rausmitteln und Hypnose löst er - zu Forschungszwecken- Symptome der Erkrankung aus und ganz Paris sieht zu. Einmal im Jahr findet sogar ein Ball statt, wo die Hysterikerinnen einem noch breiteren Publikum präsentiert werden. Dieser wahre Gesichte ist bedrückend und ein guter Stoff um darüber einen Roman zu schreiben.
Victoria Mas erzählt beispielhaft das Schicksal zweier Frauen in der Nervenheilanstalt. Louise, die gerne der neue "Star" in den Aufführungen des Doktors wäre und Eugénie, ein Mädchen aus gutem Hause, das in der Salpêtrière landet, weil es mit den Geistern der Toten reden kann. Eugénies Geister nehmen für meinen Geschmack zu viel Raum im Roman ein. Dieses übernatürliche Elemente hätte es nicht gebraucht. Ein guter Roman mit einem wahren historischen Hintergrund wird so teilweise ins Absurde geführt. Dennoch ein beeindruckendes Buch, dass mein Interesse an diesem Kapitel der französischen Geschichte geweckt hat.
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☆☆☆☆☆
Hinter den Mauern der Salpêtrière
Anne H. - Bewertet am 06.04.2020
Zustand: Exzellent
Paris, 1885. Jean-Martin Charcot ist Chefarzt am berühmten Hôpital de la Salpêtrière, einer Einrichtung für geisteskranke Mädchen und Frauen. Er wird zu einem Pionier in der Neurologie werden, seine Untersuchungen werden ein Fachgebiet verändern und berühmte Nachfolger wie Sigmund Freud prägen.… Legendär sind seine Untersuchungen von Hysterikerinnen vor Publikum, z.B. mit der jungen Louise, die sich vorkommt, wie ein kleiner Star, wenn der Arzt sie auf die Bühne bittet. Pflegerin Genieviève wacht mit Argusaugen und Strenge über ihre Schützlinge, distanziert und kühl geht sie ihren täglichen Aufgaben nach. Eine Bindung zu den teilweise seit Jahren einsitzenden Frauen lehnt sie ab. Es wird schon seine Richtigkeit haben, was die Männer da entscheiden, egal ob die Ärzte oder diejenigen, die mit einer neuen Patientin vor dem Tor auftauchen, egal ob eine tatsächlich auch nach heutigen Gesichtspunkten als krank zu bezeichnende Person, Vertreter der Gendarmerie, die eine Prostituierte aufgegriffen haben oder auch mal Familienangehörige, die der Meinung sind, „mit der stimmt doch was nicht“ – und dieses „was“ das kann aus unserer Sicht auch so etwas normales und harmloses sein wie der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung, Interesse an Bildung oder Literatur – aber beileibe keine neurologische oder psychische Störung. So ergeht es auch Eugénie, einer jungen, wissensdurstigen und etwas streitbaren Neunzehnjährigen, die sich plötzlich hinter den Mauern der Salpêtrière wiederfindet, allerdings auch mit einer besonderen „Gabe“, die für ihre bürgerliche Familie nicht hinnehmbar und rufschädigend ist: Eugénie besteht darauf, dass sie Tote sehen kann, mit ihnen kommuniziert.
Louise, Geneviève und Eugénie sind die Protagonistinnen des Romans von Victoria Mas, der die – für uns heutzutage – unvorstellbaren Verhältnisse und den Umgang mit (vermeintlicher) Geisteskrankheit, den „Irren“ darstellt. Vorgeführt wie im Zoo in öffentlichen Vorlesungen, eingeliefert aus nichtigen Gründen, Scham, Bequemlichkeit und ausgestellt für die feine Pariser Gesellschaft auf einem Maskenball „Le bal des folles“, der für die Patientinnen und die Gesellschaft ein Jahreshighlight darstellt und doch nichts anderes ist als ein grausames Kuriositätenkabinett auf dem Jahrmarkt. Über all dem steht die Prämisse, dass Männer alleine darüber entscheiden, was mit den Frauen und Mädchen zu passieren hat, sie selbst haben keine Stimme, keine Glaubwürdigkeit, niemand steht für sie ein, dazu der medizingeschichtliche Aspekt der Psychiatrie, ein absolut fesselndes und spannendes Thema, toll aufbereitet bis auf ein in meinen Augen doch schon recht massives Manko: Eugénies Geistererscheinungen, die eine große Rolle in der Geschichte spielen und letztlich ihr eigenes und das Schicksal anderer Beteiligter entscheidend beeinflussen. So weit so gut.
Jetzt habe ich nur ein riesengroßes Problem mit dieser einen Sache: ich glaube nicht dran. So gar nicht. Und das Buch stellt es so dar, als sei es eine Tatsache, dass es das gibt, also so im Sinne von „das ist normal“ – und das ist es für mich eben nicht. Schwierig, schwierig. Nun stört es mich nicht sonderlich, wenn jemand sich als Medium sieht, so lange er nicht andere Menschen damit betrügt, ihnen etwas vorgaukelt oder das Geld aus der Tasche zieht. Aber das Ganze als vollkommen realistisches Talent, dass jemand nun mal einfach hat, so wie eine Begabung für Tanz, Gesang, Malerei oder eine Sportart, zu sehen, das gelingt mir nun leider nicht. Bin ich zu agnostisch? mag sein. Aber dieser Umstand hat dann dazu geführt, dass ich recht oft im Laufe der Geschichte dachte … Humbug… .
Daher ist mein Fazit: für mich hätte es Eugénies Talent nicht gebraucht. Sie hätte auch über ihre Klugheit, ihre Eloquenz, einfach ihr Wesen, überzeugen können, ihr zu helfen, denke ich. So ist das ein klarer Minuspunkt für mich, weil mich die Tragfähigkeit, die Glaubwürdigkeit der Geschichte an dieser Stelle einfach verlässt. Wen das nicht stört, oder wer da einfach ein bisschen mehr glauben kann als ich, tut sich vielleicht etwas leichter mit der Akzeptanz dieses Punktes. Ansonsten begeistert der Roman sprachlich und inhaltlich durchaus.