"Babylon Berlin" ist längst mehr als bloß eine Serie. Die vermutlich herausragendste deutsche TV-Produktion der letzten zwanzig Jahre markiert in vielerlei Hinsicht den Beginn eines neuen Zeitalters in der hiesigen Medienlandschaft. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die dritte Staffel, schließlich hat die Serie die wichtigsten deutschen TV-Trophäen sowie den Europäischen Filmpreis gewonnen. Übertreffen können sich Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten mit den zwölf neuen Folgen im Grunde gar nicht, aber das ist auch nicht nötig. Es genügt völlig, wenn sie dem selbstgesetzten Standard genügen; und das tun sie voll und ganz. Der ganz spezielle Zauber stellt sich bereits mit den ersten Bildern umgehend wieder ein.
Das Drehbuch basiert auf dem zweiten Roman von Volker Kutschers Gereon-Rath-Zyklus, "Der stumme Tod". Die Konsequenzen der Ermordung von Regierungsrat Benda (in den ersten Staffeln von Matthias Brandt verkörpert) durch Nationalsozialisten ziehen sich auch durch die dritte Staffel: Bendas Nazi-Nachfolger (Benno Fürmann) sorgt dafür, dass das Attentat den Kommunisten in die Schuhe geschoben wird. Kriminalkommissar Rath (Volker Bruch) ist zwar empört, muss sich aber auf einen anderen Fall konzentrieren, und dieser Ebene der Handlung verdanken die neuen Folgen ihre Schauwerte: Bei den Dreharbeiten zu einem der ersten Tonfilme in Babelsberg, "Dämonen der Leidenschaft", ist der kommende Star am deutschen Filmhimmel von einem herabstürzenden Scheinwerfer erschlagen worden. Was zunächst wie ein tragischer Unfall wirkt, entpuppt sich als Mord. Die Tat ist der tödliche Höhepunkt diverser Vorfälle, die sich als Sabotageakte herausstellen.
Ziel der Anschläge ist die Filmproduktion, aber getroffen wird die Unterwelt: Nach der Verwüstung seines Lokals "Moka Efti" hat der "Armenier" (Misel Maticevic) das Filmgeschäft entdeckt und eine Million Reichsmark investiert. Es handelt sich jedoch nicht etwa um Schwarzgeld, sondern um einen Bankkredit, und nun haben der Armenier und sein Kompagnon (Ronald Zehrfeld) ein Problem: Bei Mord zahlt die Versicherung nicht. Natürlich ist auch Raths Kriminalassistentin Lotte Ritter wieder mit von der Partie, schließlich ist Liv Lisa Fries durch die Serie zum Star geworden. Raths wichtigster Zeuge wird vor seinen Augen erschossen. Als der Mörder auch die Zweitbesetzung der Hauptrolle umbringt, ist Lotte ebenfalls quasi Augenzeugin, aber das nützt ihr nicht viel: Der Täter trägt ein Kostüm aus "Dämonen der Leidenschaft".
Mit vierzig namhaften Darstellern ist die dritte Staffel erneut verschwenderisch besetzt. Die Serie hat zwar mit Matthias Brand und Peter Kurth zwei der interessantesten Mitwirkenden verloren, aber dafür spielen nun unter anderem Meret Becker und Martin Wuttke mit. Immer noch dabei ist Jens Harzer in seiner Gastrolle als Gereons Therapeut und todgeglaubter Bruder. Seine Auftritte gehören zu den mysteriösesten Momenten der Serie, weil sie Gereon in die Unterwelt seiner eigenen Psyche führen: In einer traumartigen Szene geht er auf eine Litfasssäule zu, öffnet eine Tür und steigt in die Tiefe. Allein das Licht dieser Aufnahmen ist derart kunstvoll, dass zumindest die Bildgestaltung erneut preiswürdig ist; für die ungeheuer aufwändige Ausstattung und das Kostümbild gilt das nicht minder. Darüber hinaus haben es sich Tykwer, Borries und Handloegten nicht nehmen lassen, die Zeitläufte mit einigen authentischen Wiedererkennungseffekten zu versehen; die Parallelen etwa im Sprachgebrauch zwischen den zur Macht strebenden Nationalsozialisten und modernen Rechtspopulisten sind offenkundig. tpg.
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