Im wahrsten Sinne des Wortes wundervolles, aber auch melancholisches Animationsmeisterwerk aus Brasilien, das einem Jungen auf der Suche nach seinem Vater in die graue Großstadt folgt.
Endlich kommt Alê Abreus Animationsmeisterwerk, das bereits 2013/14 den Festivalzirkus mit diversen Auszeichnungen absolvierte, auch regulär in die deutschen Kinos. Mit teils einfachen Strichen zeichnet der brasilianische Filmemacher, die den technischen Perfektionismus von Filmen à la Pixar gar nicht erst anstreben, sich in punkto Fantasie- und Emotionsreichtum vor der Konkurrenz aus Hollywood aber keine Sekunde zu verstecken brauchen. Vieles spielt sich in den Köpfen und den eigenen Erinnerungen der Zuschauer ab, wenn Abreu seine Welt erschafft, die er komplett aus der Sicht eines Jungen erforscht, aus einer Sicht also, in der Wunder noch etwas sehr Reales sind.
Der namenlose Junge wächst mit seinen beiden Eltern auf dem Land auf, das trotz aller scheinbaren materiellen Armut der Familie für ihn das Paradies ist. Erst als sein Vater eines Tages mit dem Zug - wohl in die Stadt - aufbricht, verlässt auch der Junge seine Heimat, um den Vater wieder zurückzuholen. Was nun folgt, ist eine Reise durch ein Land, dessen Bewohner ihre südamerikanische Lebenslust zwar nicht ganz vergessen haben, gleichzeitig in ein industrielles Wirtschaftssystem gezwungen sind, dass ihnen jeglichen Freiraum erstickt. Melancholie und teils Verzweiflung bestimmen die Mienen der Erwachsenen. Nur der Junge ist stets von Hoffnung auf der Suche nach seinem Vater getrieben, bei der ihm ein Lied in verschiedenen Variationen als Nordstern dient. Vor allem zwei Charaktere und ein Hund begleiten den Jungen auf seiner Reise in die gigantische, anonyme Großstadt, die von einer faschistischen Macht unterdrückt wird und letztlich auch den Jungen seiner Begeisterung beraubt.
Gerade zu Beginn explodieren die Farben und Formen, ist der Junge noch ganz Kind. Doch "Der Junge und die Welt" ist kein naives Märchen, sondern vielmehr der todtraurige Abgesang auf die Unschuld und die Anklage an eine Welt, die längst der Technokratie und Wirtschaft die Gestaltung überlassen hat. Ob Abreu dennoch hoffnungsvoll ist, bleibt offen, wenn er einen Aufstand der musizierenden und tanzenden Massen gegen das graue System brutal niederschlagen lässt und kurz zu realen Aufnahmen von der Zerstörung der Welt wechselt, womit er einen ähnlichen Schock erzielt, wie Ari Folman am Ende seines genialen "Waltz with Bashir". Die Kindheit des Helden ist da endgültig vorbei, was dieser nun auch selber schmerzhaft realisiert. Gleichzeitig endet dieser ohne verständlichen Dialog auskommende Film mit dem Blick auf das kleine Wunder in allen Dingen. Wer darüber aber das Staunen aufgibt, verliert auch seine Menschlichkeit. mahe.
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