Woody Allen gehört zur Mostra Internazionale d'Arte cinematografica wie die Gondeln zu Venedig und der abendliche Aufmarsch in die Sala Grande. Der Stadtneurotiker präsentiert mit Vorliebe am Lido seine Werke "außer Konkurrenz" und macht sich still und heimlich von dannen, sobald der Festivaltrubel beginnt. In diesem Jahr entlarvte er mit "Celebrity" ein amerikanisches Phänomen, das seiner Meinung nach schon "hysterische Auswüchse" angenommen hat - die Fixierung auf Berühmtheiten und das Berühmtsein.
"Man kann in Amerika schon bekannt werden, nur weil man oralen Sex mit dem Präsidenten hatte" bemerkt Woody Allen sarkastisch und nimmt kleine und große Berühmtheiten samt ihre Macken unter die Lupe. Seine Hauptfigur, der Journalist Lee Simon (Kenneth Branagh) trennt sich von seiner Frau Robin (Judy Davies), weil er beim Reinschnuppern in die Welt der Schönen und Reichen plötzlich mehr vom Leben erwartet als Routinesex im Ehebett. Während er sich ins Liebesgetümmel stürzt und dabei Schiffbruch erleidet, quält sich seine Ex erst einmal herum, bis ihr ein in allen Lebenslagen einsetzbarer Fernsehmann über den Weg läuft, der nicht nur ihr Ego wieder aufbaut, sondern ihr gleichzeitig auch noch eine eigene Fernsehshow verschafft, in der sie bekannte Menschen "rein zufällig" trifft und vorstellt. Die Stars geben sich bei Woody Allen die Klinke in die Hand - von Melanie Griffith, Leonardo DiCaprio, Famke Janssen, Joe Mantegna bis hin zu Winona Ryder. Sie alle verkörpern Typen, die wichtig sind oder sich nur so fühlen und spielen ihren Part mit Begeisterung. Der lockere Liebes- und Schicksalsreigen ist mit leichter Hand inszeniert und wohl dosierten Bonmots garniert. Kenneth Branagh als Woody Allens Alter Ego spielt das sexuelle Frustbündel mit sichtlicher Freude, aber auch Judy Davis steht ihm an Energie nicht nach. Die Berühmtheiten benehmen sich so, wie es Boulevardzeitungen gerne darstellen - sie koksen und sind kokett, pflegen ihre Paranoia, Blondinen tanzen lasziv und bevorzugt mit Farbigen und entwickeln ganz neue Orgasmusformen, während die Herren der Schöpfung nicht nur Hotelzimmer demolieren, sondern auch der Angebeteten wie jeder Prol eine scheuern. Das Spiel mit den Spleens amüsiert eine Zeitlang, letztendlich ist es aber egal, ob der Film in seiner wohl bewußten Belanglosigkeit eine oder zwei Stunden dauert. Die Banalität des Alltags holt die sich oft in Pose werfenden Pseudohelden immer wieder ein, gibt sie auch manchmal der Lächerlichkeit preis. Diese in brillantem schwarzweiß gedrehte Komödie über das Fegefeuer der Eitelkeiten namens New York, in dem jeder mal - und sei es nur für ein paar Minuten - "dazugehören" möchte, zählt vielleicht nicht zu Allens stärksten Filmen, aber das wird seine starke Fangemeinde sicherlich nicht verdrießen. mk.
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