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Beschreibung
Ich verträumte sie nicht, ich brachte sie nicht auf den Punkt, die Nachmittage, die Gärten, die Abende, den Herbst: ich kannte den Punkt nicht, auf den sie zu bringen gewesen wären, ich kannte den Traum nicht, den ich träumen hätte können, ich kehrte immer wieder zurück zu den Zwetschkenbäumen, wie sie so in zwei Reihen standen, so entblättert fast und zerbrechlich, so fast schwarz vor der noch hellen Nacht. Ich mißtraute den Beschreibungen, der Montage, den Verfremdungen, der Abstraktion: ich berührte die Wipfel der Zwetschkenbaumreihen und sie wankten, kaum spürbar, ich streichelte ihr Gezweig, ihre äußersten Zweige und hängenden Blätter, die sich leise drehten, ich atmete ihre Scham, ich legte meine Hand um ihre Knie, sie bogen sich leicht, es flüsterte. Die Gärten funkelten, bunt von den Glühbirnen, lagen still und vermengt mit den Stimmen der Gäste, ich blieb, an meinem Tisch, und hörte hinauf in das Lilarot und Veilchenblau des abendlich nächtlichen Himmels: ich hörte das Klingen der Gläser und das Reden und Lachen und lehnte mich an einen nahen Zwetschkenstamm, fühlte seine Rinde an meiner Wange, ich trank mich in ein Glück aus Zuversicht und Schmerz und Versöhnung und Widerstand. Die Blätter vermehrten den Schein der Lampen, die Hecke war bestückt mit Fetzen von Lichtern, die Fledermäuse zuckten über den Kies und hinauf in die Helligkeit zwischen den Kronen der Bäume, ich war schwer und schwebte: ich saß in einem Ansturm, einer Vielzahl von Dunkelheiten, von Schattenwürfen, von Wortresten und Seidengluten und Schaukelndem, wenn dann ein Wind durch die Gärten fiel. Ich tauchte das Brot in den Wein: gab es den Trost, der von den Gärten kam, das Schweigen, das Geheimnis, das Wissen? Ich dachte in Lauten, ich vernahm, was ich dachte, in Lauten, ich belauschte mich und hörte das Laub und hörte es rascheln: es gab den Schauder als Zittern, als Fernhererzittern, doch ohne Irrlicht oder Echo, das hallte, es war, als wäre die Sage in den Gärten vom Verhängnis befreit, als wäre sie so wieder offen für ein Heimfinden, ein Wiedersehen, ich machte mich auf. Es war, als machte ich mich auf den Weg, doch ich blieb, ich nahm den Aufbruch an den Dingen vorweg, sah den Kies noch, wie verstreut bedeckt von Schalen und Blättern und Stielen, sah die Schalen noch und die Maschen vom Zaun, die Rauten, das Runde: die Nacht hatte sich um die Gärten gelegt.
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Technische Daten


Erscheinungsdatum
01.08.2004
Sprache
Deutsch
EAN
9783905591842
Herausgeber
Urs Engeler
Sonderedition
Nein
Autor
Michael Donhauser
Seitenanzahl
192
Auflage
1
Einbandart
Gebundene Ausgabe
Autorenporträt
Michael Donhausers 'Vom Sehen' versammelt Prosatexte aus 15 Jahren: Aufsätze zur Kunst und zur Literatur – zu Bildern von Claude Monet und Gedichten von Arthur Rimbaud, Conrad Ferdinand Meyer und Christian Wagner sowie zu Werken von Adalbert Stifter und Annette von Droste-Hülshoff – stehen hier in einer Folge mit Reflexionen zum Dinggedicht oder zur Metapher, wobei Denken und Einlösen des Gedachten stets verbunden bleiben: die Aprikose, die Stechpalme oder eine Hecke am Straßenrand evozieren dieses Denken, die Zwischenjahreszeiten und der Flugsamen, Orte in den Bergen, Vals und Isola, oder Landschaften wie Rheinhessen und das nördlichere Novemberland – Flüchtiges und Wiederholtes, Erinnertes und Unerinnerbares treiben in diesen Erkundungen das Sehen gleichsam voran. Dieses Buch ist mehr als ein poetisches Credo: Es läßt den Weg eines Dichters erleben, dessen Konsequenz zu einem radikal unzeitgemäßen, allein der poetischen Wahrnehmung verpflichteten Werk führt. Es ist die Summe einer der Schönheit anheim gegebenen Dichtung. Michael Donhausers Werk erscheint bei Urs Engeler. Bisher sind der Gedichtband 'Sarganserland' sowie die Prosa-Bände 'Die Gärten. Paris' und 'Vom Schnee' erschienen.
Schlagwörter
Kunstbestrachtung, Essayismus, Literaturlektüre
Thema-Inhalt
FBA - Moderne und zeitgenössische Belletristik: allgemein und literarisch D - Biographie, Literatur und Literaturwissenschaft
Höhe
200 mm
Breite
15 cm

Warnhinweise und Sicherheitsinformationen

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