Willkommen auf dem Planeten Cronenberg, wo einzigartige Gedankenwelten, menschliche Biomasse, futuristische Spiele und virtuelle Realitäten eine neuartige filmische Qualität als Parallelexistenzen erreichen und des Kanadiers Sinn für schalkhafte Reisen durch Gehirnlabyrinthe Purzelbäume schlägt, die auch Uneingeweihten fröhlichen Zugang zu des Meisters Kosmos ermöglichen. Wo "Total Recall" oder "Strange Days" enden, fängt David Cronenberg erst an und nimmt den Zuschauer mit auf einen Trip, der gekonnt mit obsessiven Kopfgeburten wie der Maschinenwerdung des Menschen, fließenden Übergängen zwischen Leben, Traum und Medienwirklichkeit und dem Alternativuniversum von Virtual-Reality-Spielen jongliert.
Ausgangspunkt von Cronenbergs Planspiel ist die Erprobung eines neuen kreativen Donnerschlags der Designerin Allegra Geller, die von Jennifer Jason Leigh ("Mrs. Parker") mit Schlangenlocken und Kreuzzöpfen als Medusa der Konsolenfreaks lockend ironisch gespielt wir. Ihre Schöpfung "Existenz" soll von einer Reihe Versuchspersonen für die Firma "Antenna Research" erprobt werden, Führerin ist Allegra selbst. Unmittelbar vor dem verführerischen Einstieg ins Spiel wird Allegra von einem Fanatiker der Anti-Existenzialisten angeschossen, trennt sich von den Mitspielern und flieht mit der Playstation und einem Angestellten von "Antenna Reserach" in ihr eigenes neues Spiel hinein, wo die beiden sich buchstäblich in den verschiedenen Ebenen von "Existenz" verlieren.
Cronenberg entwickelt aus den zwiebelartigen Schichtenablagerungen des "Existenz"-Spiels, das Allegra und ihren Partner Ted Pikul (Jude Law) in immer neue Kämpfe und Verfolgungen verwickelt, ein virtuoses neuartiges Nervensystem des Computerzeitalters. Das beginnt mit dem Programm, das aus der Playstation, einem pulsierenden organischen Meta-Gewebe, gespeist wird und über Nabelschnüre in die "Bioport"-Anschlüsse fließt, die sich die Spieler in den Rücken haben operieren lassen. Einmal eingestöpselt, fließt die Energie durch die Wirbelsäule und treibt jeden aus der Gruppe der zwölf Apostel der Virtual Reality unbarmherzig an. Wie bei Cronenberg nicht anders zu erwarten, krabbeln doppelköpfige mutierte Echsen durch die Gegenwelt, wird das Gewebe des "Game-pod" wie auf einem Seziertisch operiert und schießt der Attentäter mit einer Pistole aus Haut und Knochen, die Zähne abfeuert.
Bei weitem nicht so düster wie "Die Unzertrennlichen", so fatal wie "Videodrome" (James Woods als lebender Videorecorder), so psychedelisch umwabert wie "Naked Luch" (Peter Weller als Verlängerung seiner Schreibmaschine) oder so todessehnsüchtig und sexuell stimulierend wie "Crash" (die kühnste Fleisch-Metall-Legierung), wirkt "Existenz" über weite Strecken erfrischend komisch (Willem Dafoe, der Jude Law mit einem MG -Schlagbolzen stöpselt, bevor Leigh in ihrerseits penetrieren kann). Und trotz der letztendlich unauflösbaren Labyrinthik der Spielebenen bleibt der Film stets überschaubar, weil das Spiel selbst die Realität nachstellt. Die Hatz auf Leigh als Künstler ist aktuelles Beiprodukt (die Rushdie-"Fatwa"), die Musik zitiert Morricones Mundharmonika-Dissonanzen aus "Spiel mit das Lied vom Tod", der Dialog ist gelöst, was diesen Cronenberg mitsamt all den anderen Qualitäten zu seinem möglicherweise größten Publikumserfolg führen könnte. ger.
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