John Grisham hatte es noch nie so gut. Mit der vierten Verfilmung eines Romans des streitbaren Schriftstellers, der sich mit "Der Regenmacher" gerade wieder in den deutschen Bestseller-Listen tummelt, ist Joel Schumacher eine scheinbar unmรถgliche Mission geglรผckt: Er bietet der Dominanz der lauten, bombastischen High Concept Event Movies รผber Tornados, Auรerirdische und Terroristen jeglicher Couleur dieses US-Kinosommers รผberzeugend Paroli mit einem vielschichtigen Gerichtssaal-Thriller aus dem schwรผlen Sรผden der USA, der als sorgfรคltig erzรคhltes Stรผck Unterhaltungskino in Perfektion auch nach Ende des Abspanns nachwirkt.
Wer hรคtte geahnt, daร die Verfilmung eines John-Grisham-Romans zu den intelligenteren Blockbuster-Kandidaten eines amerikanischen Kinosommers gehรถren kรถnnte? Das ist sicherlich auch Verdienst der gelungenen Vorlage. Denn anders als die spรคteren Pageturner des ehemaligen Anwalts wirkt "Die Jury", sein erster, erklรคrtermaรen autobiographischer Roman aus dem Jahr 1989, nicht wie am Reiรbrett entstanden: Die Geschichte รผber den verzweifelten Rachemord eines farbigen Arbeiters an den Vergewaltigern seiner zehnjรคhrigen Tochter und die dramatischen Folgen in einer Sรผdstaaten-Kleinstadt quillt geradezu รผber mit prรคzisem Lokalkolorit und interessanten, liebevoll gezeichneten Figuren. Die sich รผberschlagenden Ereignisse mรผnden nicht nur in einen packenden Gerichtsprozeร, sondern auch in einen grundliberalen Diskurs รผber das hochexplosive Verhรคltnis zwischen Schwarz und Weiร und die Unmรถglichkeit der Utopie von Gleichheit, betrachtet durch den Zerrspiegel eines rassistischen Rechtssystems.
Mit eleganter Souverรคnitรคt nimmt sich Joel Schumacher dieses aus einer Vielzahl von parallel ablaufenden Nebenhandlungen zusammengesetzte Puzzlespiel zur Brust, in das vom Ku Klux Klan bis hin zu geschรคftstรผchtigen farbigen Bรผrgerrechtlergruppen fast alle denkbaren Interessengruppen zumindest kurzfristig eingreifen. Die Klasse von "Die Jury" lรครt den Schluร zu, seine erste Grisham-Verfilmung "Der Klient" von 1994 sei fรผr den Regisseur lediglich ein erstes Herantasten an den publikumsfreundlichen Belletristikkosmos des umtriebigen Schriftstellers gewesen. Denn jetzt kennt Schumacher die Welt Grishams wie seine Westentasche. Vorangetrieben von der hervorragenden, auf ein Mindestmaร an Information entschlackten Adaption von Akiva Goldman, lenkt er sein brillantes Ensemble in den ersten 90 Minuten des Films durch ein hรถchst originell verstricktes Gestrรผpp von unvermuteten Handlungsentwicklungen, die schlieรlich im letzten Drittel in den vertrauten Gewรคssern eines recht konventionellen Gerichtssaalthrillers ihre Auflรถsung erfahren. Etwa, als der junge Southern-Anwalt Brigance seine rasante Fahrt durch die Winkelzรผge der amerikanischen Juristerei mit einem fulminanten Plรคdoyer trรคnenreich beendet. Der Kevin Costner aus "JFK" kann stolz sein auf diesen gelehrigen Schรผler, der von dem von Grisham eigenhรคndig gewรคhlten Nobody Matthew McConaughey knackig-bรผbisch arrogant auf die Leinwand gebracht wird. Das Publikum mag wohl von den gewohnt zuverlรคssigen Sandra Bullock und Samuel Jackson - die bekanntesten in diesem Aufmarsch von groรen Namen - in die Kinos gelockt werden, wenn man "Die Jury" verlรครt, dann geht man als McConaughey-Fan mit dem Bewuรtsein, Zeuge des Aufgehens eines neuen Sterns am Hollywood-Himmel geworden zu sein. Die einfallsreiche Struktur des Films und vollmundige Dialoge tragen zudem noch dazu bei, daร das Urteil der Jury von Kinogรคngern trotz einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden unbedingt lauten muร: Nicht langweilig - Volltreffer! ts.
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