Mit einer dreistündigen, nach Typ und darstellerischer Qualität exzellent besetzten Familien- und Landesgeschichte meldet sich István Szabó acht Jahre nach "Süße Emma, liebe Böbe" wieder im Kino zurück. Er präsentiert eine kanadisch-ungarisch-deutsche Großproduktion, die in der Tradition von Vorbildern wie De Sica oder Lean Individualgeschichte und Politik zu Epochenporträts verknüpft. Internationales Ansehen ist diesem Comeback sicher, das nicht Nischenakzeptanz, sondern das große Publikum sucht und angesichts der Namen auch mit Erfolg belohnt werden könnte.
Szabó, der mit Israel Horovitz auch das Drehbuch schrieb, stellt sich einem schier unmöglichen Vorhaben: eine, ungeachtet ihrer monarchischen, republikanischen, faschistischen oder kommunistischen Form, entmenschlichte Politik anhand dreier Generationen einer ungarischen Familie zu beobachten. Und obwohl dieser Anspruch den Film oft zwingt, vom Beginn der Donaumonarachie bis zum Fall des Eisernen Vorhangs, durch Geschichte und Biographien zu hetzen, verfehlt er weder seine unaufdringlich aufklärende noch seine unterhaltende Wirkung. Das Skript zeigt Reife, lässt Widersprüche und unsympathische Züge auch in den Hauptfiguren zu, verzichtet auf Überzeichnungen. Dass am Ende die Lehre - das Glück, den Hauch von Sonnenschein in jedem auch noch so erbärmlichen Leben zu suchen - etwas naiv wirkt, sieht man dem konfliktreichen Film gerne nach. Die Fundamente für seine Philosophie findet das mehrdeutig betitelte Werk vor allem in der liberalen Prinzipientreue und Lebensfreude von Valerie Sonnenschein (Jennifer Ehle, ein in jeder Hinsicht überzeugender Klon von Meryl Streep), die mit ihren beiden Cousins im Kaiserreich aufwächst. In der ersten von insgesamt drei Rollen spielt Ralph Fiennes ("Der englische Patient") einen loyalen Monarchisten, der sich nur einmal der Anpassung, die in der Namensänderung gipfelt, widersetzt, als er seine Cousine trotz elterlichem Widerstand heiratet. Die Beziehung zeugt zwei Söhne, scheitert aber schließlich mit dem Reich, an das sich Fiennes verkauft hatte, ohne die Entfremdung von seiner Frau zu bemerken. Verblendet ist auch sein unpolitischer Sohn Adam (wiederum Fiennes), der zwischen den Kriegen als Fechter zum Nationalhelden aufsteigt, aber trotz der Konvertierung zum Christentum seiner jüdischen Herkunft wegen im Arbeitslager interniert wird, wo er in der schockierendsten Szene des Films zu Tode gequält wird. Sein erneut von Fiennes verkörperter Sohn, der Erzähler, erlebt nach Kriegsende, wo im nun kommunistischen Ungarn die Juden erneut verfolgt werden, die Wiederholung der Geschichte, findet schließlich aber im Lebensrat seiner Großmutter (Rosemary Harris, großartig wie ihre Tochter Jennifer Ehle) seine Mitte.
Obwohl Szabó mit diesem Film mächtig Luft holt, geht ihm bis zum Ende die Luft nicht aus. Auch wenn nicht alles funktioniert (etwa die deplaziert wirkenden Schreibtisch- und Naturakte Deborah Kara Ungers) und die Visualisierungskraft eines David Lean, der Intimes und Episches so vortrefflich zu harmonisieren verstand, unerreicht bleibt. kob.
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