"Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen".
Davon ist die vierjährige Ruthie gerade aus dem Bett geschreckt und das erzählt sie nun mit großen Kulleraugen ihrem Vater. Der setzt sich, kaum hat er das schlaflose engelsblonde Töchterchen beruhigt, schnurstracks an die Schreibmaschine. Zu gut ist der Satz, den er da eben hörte, um ihn nicht in ein neues Buch zu verwandeln...
Kinderbuchautor Ted Cole (Jeff Bridges) lebt für seine Geschichten. Seine beiden Söhne leben dagegen nicht mehr. Und seit deren Tod bei einem Autounfall sind für Ted Mitmenschen vor allem eins: Material für Bücher. Derart mit seiner Kunst beschäftigt, tritt Cole als spitzbübischer Lebemann auf, dem kein Schicksalsschlag je die Fassung rauben könnte.
Seine wunderschöne Frau Marion (Kim Basinger) hat der Verlust dagegen versteinert. Einst war sie ihrem kreativen Mann die perfekte Muse, nun lebt sie nur noch in der Vergangenheit, gefangen in jenem unglückseligen Moment. Sie hat Ted nur noch wenig zu sagen und ihrer kleinen Nachzüglerin Ruthie nichts zu geben.
Mitten in dieses Ehepatt im verträumten Städtchen Hampton auf Long Island hinein platzt der siebzehnjährige Eddie (Newcomer Jon Foster), der von einer Zukunft als erfolgreicher Autor träumt. Als "Praktikant" soll er seinem großen Vorbild Ted über den Sommer zur Hand gehen.
Doch Marions geheimnisvolle Unnahbarkeit zieht Eddie derart in den Bann, dass er seine Dienste schon bald bevorzugt bei der Frau des Schriftstellers ableistet. Der erotische Rausch mit einem jungen Liebhaber lässt bei Marion einen Funken neuer Lebensenergie sprühen. In einem Dreieck aus Liebe, Verdrängung, Hoffnung und Verzweiflung wird Eddie bald zum Katalysator des Unvermeidlichen.
Große Gefühle, wahnwitzige Komik, und das von einer Sekunde zur anderen: Regisseur Tod Williams hat den Geist des Romans "Witwe für ein Jahr" von Starautor John Irving wunderbar eingefangen.
Zwar beschränkt sich "The Door In The Floor" auf das erste Kapitel des Bestsellers, doch gerade dadurch gelingt es Williams, die typische Handschrift Irvings präzise auf die Leinwand zu übersetzen: Liebevoll gezeichnete Charaktere verwickeln sich in aberwitzige Dialoge und bestehen Situationen, die so unglaublich sind, dass sie schon wieder glaubhaft wirken.
Das verdankt "The Door In The Floor" auch den glänzend aufspielenden Darstellern, allen voran Jeff Bridges, dessen Ted Cole in seinen schrillen Momenten an den "Dude" aus dem Kultfilm "The Big Lebowski" erinnert. Kim Basinger gelingt die Quadratur des Kreises, wenn sie in ebenso geschmackvollen wie schamfreien Liebesszenen einen Jüngling verführt, um kurz darauf die ganze Zerbrechlichkeit einer vom Schicksal hart geprüften Mittvierzigerin auf die Leinwand zu zaubern. Die gefühlsstarke Schlüsselszene des Films zwischen ihr und Bridges ist ein stummer Genuss fast ohne körperliche Berührungen.
Am mutigsten agiert die 55-jährige Mimi Rogers: Die ehemalige Mrs. Tom Cruise spielt Ted Coles schamlos als Liebhaberin ausgenutzte Muse und lässt dabei ihrerseits alle Scham und alle Hüllen fallen.
Und doch ist der Abschlussfilm des Festivals von San Sebastian 2004 keine Pornografie, wie beflissene Sittenwächter aus den amerikanischen Südstaaten glauben machen wollten - sondern schlicht ein höchst vergnügliches Drama, dem nichts Menschliches fremd ist.
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