Oscar-Preisträger Anthony Minghella greift in seinem berührenden urban tale gleich mehrere brennende Gesellschaftsfragen auf, denen sich das Kino der Gegenwart sonst ungern stellt. Seine angenehm unaufdringliche, ebenso unspektakulär wie emotional-intensive Analyse vom komplizierten Leben im explosiven Ballungsraum der Mega-City ist politisches Kino - und bewegende Liebesgeschichte zugleich.
Minghella scheut sich nicht, auszusprechen, was im Entertainment-Kino beinahe zum Sakrileg geworden ist: Es gibt sie, die Zweiklassengesellschaft, die sozial Benachteiligten. In seinem ersten, seit "Wie verrückt und aus tiefstem Herzen" realisierten Original-Drehbuch greift er ein aktuelles Thema auf. Es geht um Grenzüberschreitungen, ums Eindringen der Reichen in zu Sanierungsgebieten erklärte Armenviertel, um Einbruch und Diebstahl, aber auch um das Einschleichen in fremde Herzen, um emotionale Eigentumsdelikte.
Diesem prekären Stoff stellt Minghella noch die Problematik von kriegsbedingten Immigranten-Schicksalen zur Seite - um daraus kein didaktisches Zeigefinger-Kino zu machen, bedarf es schon seines subtilen Erzähltalents. Die realistische Bestandsaufnahme einer urbanen Kultur im Wandel, einer Geografie im Umbruch ist ihm spannend gelungen. Vom Clash der Kulturen handelt sein Film, aber auch von dem der Emotionen.
Im Zentrum steht Will (Jude Law) als Mann zwischen zwei Frauen. Seine festgefahrene Beziehung zu Liv (Robin Wright Penn), der Frau, die er liebt, droht in Alltags- und Kommunikationsproblemen zu ersticken. Liv ist gefangen in der permanenten Sorge um ihre verhaltensgestörte 13jährige Tochter. Will hat gerade, gemeinsam mit seinem Partner, sein florierendes Büro für Landschafts-Architektur nach King's Cross verlegt, ins Zentrum eines der ehrgeizigsten Städtebauprojekte Europas, das auch sozialer Brennpunkt ist. Das hypermoderne Office inmitten des Sanierungsbezirks wird gleich in der ersten Nacht ausgeräumt. Nach einem weiteren Einbruch verfolgt Will das junge Gang-Mitglied Miro bis zu dessen Wohnung in einer Sozialbausiedlung. Miros Mutter Amira (Juliette Binoche) ist aus Bosnien geflüchtet und bestreitet ihren Lebensunterhalt mit Schneiderarbeiten. Zunächst will der Architekt nur die Einbrüche weiter verfolgen und freundet sich mit Amira an. Entfremdet von seiner Lebensgefährtin, zieht er aber bald die attraktive Muslimin in eine leidenschaftliche Affäre hinein. Als Amira herausfindet, dass ihr Sohn Wills Büro ausgeräumt hat, spielt sie mit dem Gedanken, ihren Geliebten zu erpressen, um ihren Sohn zu schützen. Wills geordnete Welt gerät ins Trudeln, als er Stellung beziehen muss.
Mit der bekannten Detailversessenheit inszenierte Minghella nicht nur einen Film über "sein" London, sondern eine Parabel über das Leben in westlichen Großstädten überhaupt. Dabei schöpft er wieder das schauspielerische Potenzial seiner Stars voll aus. Wie kein anderer Regisseur weiß er Laws Darsteller-Finessen einzusetzen - "Unterwegs nach Cold Mountain" und "Der talentierte Mr. Ripley" brachten ihm bereits Oscar-Nominierungen ein. Juliette Binoche gewann die Auszeichnung für "Der englische Patient". Hinreißend jetzt allein ihr bosnischer Akzent. Auch die Nebenrollen sind mit Robin Wright Penn, Ray Winstone und Vera Farmiga, die gerade auch in Martin Scorseses "Departed: Unter Feinden" viel Talent zeigt, perfekt besetzt, die Newcomer Ravi Gafron und Poppy Rogers liefern ebenfalls beachtliche Leistungen ab. Für die Original-Musik sorgt sein Alltime-Komponist Gabriel Yared, unter Mitwirkung von "Underworld": Minghella at it's best, am Puls der Zeit. boe.