So also sieht es aus, wenn sich Clint Eastwood dem Jenseits annimmt, wenn sich das Urgestein des amerikanischen Erzรคhlkinos dem Genre des fantastischen Films annรคhert.
Er fรคngt mit einem groรen Knall an - in der vermutlich komplexesten Effektszene seiner Laufbahn - und lรคsst sich danach nicht mehr aus der Ruhe bringen, ohne Tricks und doppelten Boden, immer ganz nah dran an den Protagonisten, deren Suche nach einer Erklรคrung fรผr ihre Erlebnisse ihnen keine Ruhe lรคsst. Nach einem Drehbuch von "Die Queen"-Autor Peter Morgan folgt er parallel drei Menschen in drei Lรคndern, die nach Erfahrungen mit dem Jenseits nicht mehr zu Ruhe kommen und nach Katharsis streben. Mit wunderbarer Kratzbรผrstigkeit widersteht Eastwood dem Druck, im Verlauf der Geschichte noch ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern. Der Gimmick ist, dass es keinen Gimmick gibt, hรถchstens ein paar Zufรคlle und ein gewisser Glaube an Vorbestimmtheit, vor allem aber ein Gespรผr dafรผr, dass das Bedรผrfnis nach einer Auseinandersetzung gerade in turbulenten Zeiten wie diesen, in denen die Angst vor Naturkatastrophen und Terrorismus die Menschen beschรคftigt und verstรคrkt die Auseinandersetzung mit dem Tod suchen lรคsst. Hauptdarsteller Matt Damon sagte, dass "Hereafter" Eastwoods "europรคischer Film" sei - und meint damit nicht nur die Locations, sondern den erzรคhlerischen Ansatz, dessen Mangel an Effekthascherei einem so zu Herzen geht.
Wie auch nicht? Was seine Figuren erlebt haben, muss sie zwangslรคufig aus der Bahn werfen: Da ist der Fabrikarbeiter George in San Francisco, gespielt von Damon, der seit seiner Kindheit die Gabe besitzt, mit den Toten zu kommunizieren, aber an dieser Fรคhigkeit zu zerbrechen droht, weil es ihm unmรถglich ist, andere Menschen zu berรผhren. In London muss ein zehnjรคhriges Zwillingsbrรผderpaar den Alltag mit einer zwar liebenden, aber drogenabhรคngigen Mutter meistern, bis ein Unfall ihr Leben auf grausame Weise auf den Kopf stellt. Und schlieรlich ist da die erfolgreiche franzรถsische Fernsehreporterin Marie, dargestellt von Cecile de France, mit deren Geschichte "Hereafter" mit einem groรen Knall beginnt: Sie ist 2004 im Urlaub in Thailand, als der Tsunami ihren Urlaubsort verwรผstet. Sie selbst wird von der Flutwelle mitgerissen, eine Straรe entlanggespรผlt und schlieรlich bewusstlos geschlagen. Sie ertrinkt, ist tot, mehrere Minuten lang, erlebt das Jenseits, bis sie wieder ins Leben zurรผckgerissen wird. Weil sie von diesem Erlebnis nicht mehr losgelassen wird, lรคsst sie ihre Karriere und ihr altes Leben in Paris zurรผck und begibt sich auf die Suche - wie auch die beiden anderen Hauptfiguren. Viel Zeit verbringt Eastwood mit seinen Figuren, folgt ihnen durch ihren Alltag, zeichnet ihre wachsende Verzweiflung und Frustration auf, keinen Platz mehr im Alltag zu haben. Bis sich ausgerechnet Charles Dickens als vereinendes Bindeglied ihrer Odyssee erweist.
Eastwood wรคre nicht Eastwood, wenn er sich wirklich fรผr Antworten auf Fragen รผber das Jenseits interessieren wรผrde. In seiner Charakterstudie geht es schlieรlich um Katharsis und Erlรถsung, um einen Ausweg aus dem Chaos. Das rรผckt den stilistisch und inhaltlich so anderen Film dann doch wieder ganz nah an Eastwood-Filme wie "Gran Torino" oder "Million Dollar Baby", die auf ihre Weise auch Reflektionen รผber das Sterben waren. Weil "Hereafter" zwar nach Resolution strebt, aber auf einen leicht verdaulichen und bequemen emotionalen Hรถhepunkt verzichtet, fรผhlt sich der Film auf faszinierende Weise unfertig an: Schlieรlich geht es um eine einfache Berรผhrung und nicht mehr. Aber wie Eastwood sich mit 80 Jahren als Regisseur noch einmal auf Terra incognita bewegt, wie er Neues ausprobiert und sich nicht mit dem Erreichten zufrieden gibt, bestรคtigt einmal mehr, dass er in seiner eigenen Liga spielt. ts.