Upper Class trifft Prekariat: Isabelle Huppert und Benoît Poelvoorde verlieben sich trotz sozialer Unterschiede.
"Wieviele Schubladen braucht Madame für Ihre Höschen?" Eine impertinente Frage, aber typisch für den Kerl mit Hang zum Dosenbier, der die Dame mit Faible für Champagner zur Weißglut bringt. Sie wohnt schick mit Lebenspartner und Sohnemann gegenüber vom Jardin du Luxembourg, er haust mit Filius in einem Wohnwagen, sie leitet eine Galerie für Moderne Kunst, er jobbt und lebt von Vater Staat. Bei ihr herrscht im Bett Eiszeit, er zieht durch die Betten. Zwischen ihnen gibt es keine Verbindung, jedenfalls nicht im wahren Leben. Auf der Leinwand dagegen prallen die Gegensätze mit Wucht aufeinander.
Isabelle Huppert als mondäne Agathe muss sich nicht anstrengen, die bürgerliche Zicke zu spielen, die indigniert auf Benoît Poelvoorde als Superproll Patrick reagiert, der gerne einen über den Durst trinkt, auf vollbusigen Damen herumturnt und als alleinerziehender Vater ziemlichen Murks baut. Nicht nur dass sich die Kids anfreunden, der ungehobelte Unhold renoviert die Wohnung, spornt sogar ihren feinsinnigen Gefährten und arrivierten Lektor zum Fremdgehen mit einer Vegetarierin an, für die ein lauer Hibiskustee anregender ist als ein alter Brandy. Bei Hochprozentigen nach einer Vernissage kommen sich dann Madame und Macho näher. Zwar ist von der ersten Sekunde an klar, dass die beiden sich nach einigen Turbulenzen finden, aber das Wie ist entscheidend. Und das inszeniert Anne Fontaine als Tornado.
Am Beginn steht wie bei einer guten kultivierten Komödie nicht die Lust, sondern die Abwehr, die sich in Leidenschaft wandelt. Auch wenn die beiden Figuren manchmal nah an die Grenze zur Karikatur geraten und jedes Vorurteil zu mehr als 100 Prozent erfüllen, schafft Fontaine die souveräne Grenzwanderung zwischen den Gegensätzen - die kontrollierte und ambitionierte Intellektuelle, der chaotische und sinnliche Bauchtyp. Trotz aller Klischees dominiert eine ungewohnte Offenheit und Ehrlichkeit, beide im Innersten verletzliche Personen bleiben sich treu. Während bei Cédric Klapisch in "Mein Stück vom Kuchen" die da unten (in Belgien) und die da oben (in Fankreich) sich nur wie Tangenten berühren und wieder auseinanderdriften, gelingt hier die (Mes)Alliance. Huppert und Poelvoorde bilden mit André Dussolier als ausgebootetem Dritten in diesem bunten Kessel aus Love-Story, Satire, Drama eine fantastisches Trio Infernal. Lachen ohne Gewissensbisse erlaubt. mk.
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