Drama um einen Überlebenden des Völkermordes an den Armeniern und seiner Kontinente umspannenden Suche nach seinen Töchtern.
Passend zum Titel ist Protagonist Nazaret (Tahar Rahim) ein Schmied, der in der Eingangssequenz einem Kunden eine Schere verkauft. Wenig später werden er und andere armenische Männer, die zum Straßenbau gezwungen wurden, abgeführt und ihnen werden die Kehlen durchgeschnitten. Doch Nazaret überlebt, kann aber wie etwa "Il grande silencio" nicht mehr sprechen. Western, aber auch große Abenteuer-Epen von Regisseuren wie Sergio Leone und David Lean, Filme von Martin Scorsese, dessen aus Armenien stammender Koautor Mardik Martin auch am Drehbuch mitwirkte, gehören zu den Vorbildern für Fatih Akins bis dato aufwändigste Arbeit. Denn der in den 1910er bis 1920er Jahren angesiedelte Film ist nicht nur ein Historiendrama, sondern erzählt auch zum großen Teil von einer Reise, die über Aleppo, wo Nazaret eine Zeit lang Zuflucht findet, über Havanna bis in den Norden der USA führt. Dort sucht Nazaret seine Töchter. Hintergründe zum Massaker vertieft "The Cut" nicht, auch wenn etliche Details historisch verbrieft sind.
Darum geht es auch nicht, Akin hat vielmehr großes Kino im Auge. Die Kamera von Rainer Klausmann fängt starke Cinemascope-Bilder ein von weiten, kargen, in der Hitze glühenden Berglandschaften, durch die sich der Protagonist kämpft, zeigt urige Gassen in Havanna, aber auch das postapokalyptische Szenario sterbender und bereits toter armenischer Familien in einem Zeltlager. Alexander Hackes Score ist ebenfalls entsprechend groß angelegt, nutzt aber auch ein einfaches Schlaflied, von Nazarets Frau am Anfang gesungen, als emotionales Leitmotiv. Der Film will das Publikum emotional packen und ihn nicht intellektuell überzeugen. Inwieweit das gelingt, hängt vom einzelnen Zuschauer ab. Dem hohen Anspruch wird Akins "The Cut" nicht immer gerecht. Bei all den Stationen und Begegnungen mit hilfsbereiten und hassenswerten Figuren bleibt kein Raum für Vertiefung von Themen und Charakteren.
Unter anderem Simon Abkarian in einer größeren Rolle als treuer Freund von Nazaret füllt seine Rolle mit viel Leben in einem internationalen Ensemble, zu dem auch der regelmäßige Akin-Mitstreiter Moritz Bleibtreu und Trine Dyrholm in Kurzauftritten gehören. Rahim, der in "Ein Prophet" mit Charisma und Nuancen beeindruckte, kann seine dort gezeigte Leistung leider nicht abrufen. Akin, der "The Cut" in seine selbst deklarierte "Liebe, Tod und Teufel"-Trilogie einreiht, zu der "Gegen die Wand" und "Auf der anderen Seite" gehören, thematisiert in "The Cut" den Teufel, das Böse im Menschen, und zeigt auch die Gräueltaten direkt, lässt aber die Menschlichkeit gewinnen. Das und der Mut, ein Epos wie dieses und zu einem aggressiv diskutierten bzw. verdrängten Thema in Angriff zu nehmen, sollten gewürdigt werden. hai.