Roadmovie und Drama um eine Frau, die durch den Westen der USA von Job zu Job reist und in ihrem Auto lebt.
Eine Tür öffnet sich, kurz darauf streicht eine Frau zärtlich über eine über ihren Arm gelegte Jacke. So beginnt John Fords "Der schwarze Falke" von 1956, größter aller großen Western mit John Wayne, eine Art epischer Abrechnung mit dem Wilden Westen. So beginnt jetzt auch "Nomadland", nur dass sich nicht eine Tür zu einer Blockhütte öffnet, sondern zu einem Lager in der Mitte von Nirgendwo, irgendwo in Nevada, in dem Fern, die Hauptfigur von Chloé Zhaos drittem Spielfilm, ihr weniges Hab und Gut einlagert, um sich danach in einem rostigen Autobus auf den Weg zu machen. Und die Jacke wird hier nicht von der Schwägerin des Outlaws liebkost, sondern ist eine letzte Erinnerung Ferns an ihren verstorbenen Ehemann, mit dem sie Jahrzehnte lang in Empire lebte, eine 750-Seelen-Gemeinde in Nevada, die 2011 buchstäblich geschlossen wurde, als die Gypsum Corporation ihren dortigen Fabrikbetrieb einstellte - nur ein paar Monate danach wurde die Postleitzahl gestrichen, Empire offiziell zur Geisterstadt erklärt. Wie "Der schwarze Falke" erzählt "Nomadland" die Geschichte einer Odyssee durch den Westen der USA. Doch hier ist er gezeigt als Dritte-Welt-Land, geprägt von Armut und Arbeitslosigkeit. Amerika von unten.
Wie schon Zhaos Vorgänger, "The Rider", bedient sich auch ihr neuer Film der Ikonographie des Westerns, ohne an dessen Mythenbildung interessiert zu sein: Sie kontrastiert einfache Menschen mit den endlosen Weiten der überwältigenden Natur und sieht ihnen zu, wie sie ihr Leben zu meistern versuchen. Fern gehört zu den modernen Nomaden, die in ihren Automobilen leben und von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob fahren: bei Amazon, in Nationalparks, in Schnellimbissrestaurants, wo immer man genug bezahlt bekommt, um für das Nötigste aufzukommen und Parkplätze und Benzin bezahlen zu können. Wie eine Schattengemeinde existieren diese Menschen außerhalb der amerikanischen Gesellschaft. Einmal im Jahr kommen sie in Arizona mitten in der Wüste zusammen, um sich selbst zu feiern: Hurra, wir leben noch! Da muss man manchmal an "Paris, Texas" und "Into the Wild" denken, und doch ist "Nomadland" ein amerikanischer Film wie kaum ein anderer. Frances McDormand spielt Fern in ihrer ersten Filmrolle seit ihrem Oscargewinn für "Three Billboards outside Ebbing, Missouri". Da wo ihre Mildred in Martin McDonaghs Film in ihrem gerechten Zorn genussvoll überzeichnet war, eine Kunstfigur, scheint McDormand hier komplett mit ihrer Figur zu verschmelzen, eine Frau aus Fleisch und Blut in ihren Sechzigern mit rattig kurzen Haaren, die jegliches Interesse an ihrem Äußeren verloren hat, weil sie damit beschäftigt ist, von einem Tag zum nächsten zu kommen.
Und doch, und das wird immer deutlicher, je länger dieser Film förmlich zu passieren scheint, ist Fern kein Opfer. Im Gegenteil: Sie will dieses Leben und kein anderes, sie führt das Leben, das sie führen will. Sie will und kann nicht mehr zurück in die Gesellschaft, schlafen in einem Bett, in dem man aus Raumknappheit nicht die Knie anziehen muss, unter dem Dach eines Hauses, auch wenn ihre Schwester und später ein wieder in das normale Leben zurückkehrender Mit-Nomade ihr anbieten, bei ihnen einziehen zu können. "Ich bin nicht obdach-, ich bin hauslos", antwortet Fern auf die Frage eines Mädchens. Und gleitet durch ein Amerika, in dem sich Niedergang und Pracht abwechseln, vorbei an Bisons und Gebirgsbächen und Felsformationen. Einmal wandert Fern allein in einen malerischen Canyon, und man steht mittendrin in einem Film von Antonioni, ein andermal bestaunt sie gigantische Redwood-Bäume, als hätte sich Terrence Malick kurz der kargen Szenerie bemächtigt. Mal platzt ein Reifen, mal springt der Bus nicht an: Mehr Drama ist nicht in diesem atmosphärischen Roadmovie, das immer wieder innehält, um einfach nur die Menschen zu betrachten und denen eine Stimme zu geben, die sonst keine haben: Die da in die Kamera sprechen und an der Seite von Frances McDormand spielen (mit Ausnahme von David Strathairn in einer tragenden Nebenrolle), sind echte Nomaden, die ihre Geschichten erzählen, Geschichten, die anrührend sind, erhellend, tragisch und immer wieder traurig. Die aber nicht ihren Stolz verloren haben, ihre Würde und ihre Lust am Leben. Im Niemandsland der Nomaden, das man mit Fern endlos bereisen möchte, die man besser versteht, als man es zunächst wahrhaben will.
Thomas Schultze.