Robin Williams nimmt sich das Recht des "Final Cuts" - jedenfalls in seiner Rolle im ansehnlichen Kinodebüt des 27-jährigen Libanesen Omar Naim, eines melodramatischen Science-Fiction-Psycho-Thrillers, der sich nach "Paycheck", "Cypher" oder "Strange Days" auf den ersten Blick in ein Subgenre reiht, das Zeitreisen auf eine neue technologische Stufe erhebt: Erinnern dank implantierter Mikrochips, die hier das komplette Leben eines Menschen aufzeichnen können.
So kann in einer unbestimmten, nahen Zukunft bereits ungeborenen Föten ein Chip ins Gehirn gepflanzt werden, der bis zum Tod den Kamerablick aus den eigenen Augen aufzeichnet. Ein Echtzeit-Film entsteht, der nach Ableben downgeloadet, von allen Banalitäten wie Schlafen, Zähneputzen, Fernsehen befreit und zu einer Art "Best of" zusammengeschnitten wird: als Erinnerung für die lieben Verwandten. Robin Williams spielt einen solchen Cutter, den Besten seiner Profession, der irgendwo zwischen Leichenbestatter, Pfarrer und "Sin Eater" angesichts der Sünden seiner Klienten die "Delete"-Taste drückt, aus Verbrechern Heilige macht - oder wie in seinem aktuellen Fall aus einem Mann, der sich an seiner kleinen Tochter vergeht, einen liebenden Daddy. Niemand kann jedoch Williams' Alan Hakman (!) von den eigenen Vergehen befreien. Seit seiner Kindheit wird der von einer düsteren Erinnerung verfolgt: Als Neunjähriger ermutigte er einen Spielkameraden zu einer gefährlichen Balanceübung, der Junge stürzte und fand den Tod - glaubt zumindest Hakman. Auf dem Chip eines neuen, zwielichtigen Kunden glaubt er nun, den mittlerweile erwachsenen Freund entdeckt zu haben. Als er der Sache auf den Grund gehen will, kommt ihm Ex-Kollege Fletcher (Jim Caviezel) in die Quere, mittlerweile politischer Aktivist, der beweisen will, dass mit der neuen Technologie amoralisches Schindluder getrieben wird.
Regisseur Naim wandelt ernst und nachdenklich wie sein Protagonist, der nach "Insomnia" und "One Hour Photo" wieder den grüblerischen einsamen Beobachter gibt, zwischen Science-Fiction, Thriller und der verhinderten Romanze von Hakman und seiner Freundin Delila (Mira Sorvino in einer leider unterentwickelten Rolle). Mit dieser Unentschlossenheit nimmt er dem Film ein wenig den Thrill. Er konzentriert sich schließlich ganz auf die freudianische Verdrängungsleistung seines wortkargen Protagonisten, der jede Sekunde seines Lebens an sich selbst und seiner vermeintlich frühen Schuld leidet und deshalb den wirklich schlechten Menschen ein schuldenfreies Leben zusammenmontiert. Als moderner "Sin Eater" führt Hakman das Leben eines Scheintoten in einer Art leblosen Leichenhalle, die Ausstatter James Chinlund und Kameramann Tak Fujimoto in eine karge Dunkelheit tauchen und die nur von Delilas Anwesenheit mit ein wenig Licht durchdrungen wird. Oder auch nicht, denn - so Hakmans größtes Dilemma: Vor seiner permanenten Auseinandersetzung mit dem Tod läuft Delila ständig davon, erst Recht, als sie herausfindet, dass sich Hakmann in sie verliebte, als er sie in den filmischen Überresten ihres Ex-Freundes entdeckte.
So übernehmen die digitalen Bilder der Mikrochips die Macht in Hakmans Leben und in Naims Film, der sich am Ende mit einer klugen und dramatischen Wendung auch der Erinnerungen seines Protagonisten bedient. Bei der Montage der Bilder der verschiedenen Wahrnehmungsebenen und Rückblenden sorgt sich Naim bisweilen jedoch zu sehr um die Verständlichkeit des Gezeigten und nimmt mit dem ein oder anderen Kommentar dem einzelnen Moment die Spannung. Mehr Vertrauen in sein Publikum, das sich hauptsächlich im Arthouse-Sektor finden wird, und ebenso viel in seine brillante Ausgangsidee hätte "The Final Cut" durchaus vertragen, um letztlich auch am Boxoffice einen guten Schnitt zu machen. cm.