Bereits in "Boogie Nights" bekam der legendäre Porno-Darsteller John Holmes (Branchenname: Johnny Wadd) von Paul Thomas Anderson in Form des von Mark Wahlberg so legendär dargestellten Dirk Diggler ein filmisches Denkmal gesetzt. Paul Cox greift sich für "Wonderland" eine besonders niederschmetternde Episode aus dem Leben Holmes' heraus: seine bis heute nicht eindeutig geklärte Beteiligung an einem brutalen Mord in der Drogenszene in der Wonderland Avenue des Laurel Canyon am 1. Juli 1981. Cox rekonstruiert die Bluttat mit einem Maximum an filmischer Finesse und destruktiver Energie und darf auf starke Darstellerleistungen von Val Kilmer, It-Girl Kate Bosworth ("Blue Crush") und Josh Lucas ("Hulk") bauen.
Detektivarbeit auf dem fiebrigen Niveau der letzten halben Stunde von "GoodFellas" oder - noch präziser - jener Episode von "Boogie Nights", in der Mark Wahlberg und Freunde im völlig zugedröhnten Zustand den durchgeknallten Drogenboss Alfred Molina abzocken wollen, leistet Paul Cox in seiner zweiten Spielfilmarbeit. So furios und respektlos bearbeitet er sein radikal ausgebleichtes Filmmaterial, in dem sich bisweilen noch bewegende Bilder ohne Schnitt zu Fotos der Titelseiten der Tageszeitungen verwandeln oder Titeleinblendungen im Stil von 70er-Jahre-Fernsehserien eingeblendet werden, als wären nicht nur sämtliche Protagonisten auf Koks, sondern der Film selbst. Ausgefasert, verwackelt, furchtlos vor der Charakterisierung wenig sympathischer Figuren: Verwegene Momentaufnahmen der Kehrseite des California Dreaming am Ende der exzessiven Seventies gelingen dem Filmemacher da in seiner Sleaze-Ballade von der armen Wurst. Cox' John Holmes ist schon längst nicht mehr der allzeit potente Strahlemann mit dem 28-Zentimeter-Penis, der angeblich 6000 Frauen befriedigt haben soll, sondern ein armseliges Drogenwrack, das sich Vermögen, Verstand und Seele längst mit kiloweise weißem Puder durch die Nase gezogen hat.
Holmes will raus, mit seiner minderjährigen Freundin Dawn, kehrt aber eines Nachts aufgelöst und blutverschmiert von einer nächtlichen Tour in das gemeinsame Billigmotelzimmer zurück. Die Polizei tritt auf den Plan. In einem heruntergekommenen Drogenloch in der 8763 Wonderland Avenue sind die grausam zerstümmelten Leichen des berühmt-berüchtigten Kleindealers Ron Launius (Josh Lucas als beängstigende Antithese seines Charmebolzens in "Sweet Home Alabama"), seine Kompagnons Deverell und zweier Frauen gefunden worden. Nur Launius' Frau Susan hat die Attacke schwer verletzt überlebt. Die Polizei versucht die Tat zu rekonstruieren, und der Film folgt ihren Ermittlungen in die beklemmende Welt aus Drogen und Gewalt im "Rashomon"-Stil. Zunächst erklärt sich der reuige Rocker und Launius-Intimus Lind (Dylan McDermott) zur Aussage bereit und belastet Holmes in einer ausschweifenden Rückblende, er habe sich mit der Gewalttat bei dem einflussreichen Gangster Nash frei gekauft, der kurz zuvor mit Holmes' Hilfe von Launius und Co. überfallen worden war. Holmes zeichnet sich dagegen in seiner Aussage als hilflose Schachfigur im Spannungsfeld Launius und Nash, der nur seine Haut zu retten versuchte, aber niemals den Tod der Weggefährten wollte. Eine dritte Fassung der verhängnisvollen Sommernacht, zusammengesetzt aus bis nach Holmes' Aids-Tod im Jahr 1988 zurückgehaltenen Aussagen seiner Ehefrau, erlaubt schließlich noch einmal einen anderen Blick - und zeigt obendrein die Morde in einer extrem harten Szene womöglich expliziter, als man das als Zuschauer jemals wollte.
Cox atemloser Stil, sein offensichtlich virtuoser Umgang mit dem Material und Medium Film, hält das Interesse über eine lange Distanz wach. Die Schauspieler sind allesamt kompromisslos mutig und kompetent, insbesondere Kilmer in seiner besten Leistung seit seiner ähnlich intensiven Darstellung des Doors-Sängers Jim Morrison. Aber auf Dauer kann "Wonderland" kaum verhehlen, dass er nur zu zeigen, aber wenig zu erzählen hat: Die Figuren dieses frustrierenden Parforceritts bleiben so leer wie ihre bemitleidenswerten Handlungen. Aber womöglich ist das der Punkt dieses Films, den man nur zu gerne schnell vergessen will, dessen Bilder sich aber dennoch ins Gedächtnis einfräsen. ts.
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