Mit beinahe journalistischer Distanz setzt sich Hans-Christian Schmids trotz aller Besonnenheit flammend heißer Thriller mit den Untiefen bei der Verfolgung von Kriegsverbrechern in Den Haag auseinander.
Ein tagespolitisch aktuelles Thema mit hohem Entrüstungspotenzial, dramatisch zugespitzt mit den Genremitteln des Thrillers. Aufrechte, auf sich allein gestellte Kämpfer um Gerechtigkeit in einer ungerechten Welt, die ihre Waffen vor einem übermächtigen, weil gesichts- und gewissenlosen Gegner strecken und sich mit einem Etappensieg zufrieden geben müssen, während man den Krieg verloren gibt. Die Parallelen zwischen Tom Tykwers "The International" und dem fünften Spielfilm von Hans Christian Schmid sind so überdeutlich, dass gerade hier die Unterschiede zwischen den beiden führenden deutschen Regisseuren ihrer Generation besonders auffallen.
Während Tykwer seinen Blick auf die Realität mit den Mitteln des Genrekinos schärft, vertraut Schmid auf seine angeborene Neugier als gelernter Dokumentarfilmer: Zwar lässt er in "Sturm", seinem ersten (weitgehend) englischsprachigen Film, keinen Zweifel, für welche Seite sein Herz schlägt, aber er lässt sich von seiner persönlichen Empörung nie den Blick verstellen. Mehr denn je fällt in dieser Geschichte einer engagierten Staatsanwältin vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, die den serbischen General Duric als Verantwortlichen für ethnische Säuberungen überführen will und aus allen Richtungen Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommt, das Bemühen um Objektivität auf, mit dem der Regisseur seinen Figuren und dem Geschehen begegnet. Es geht Schmid um Verstehen, um das Enthüllen der Mechanik von Vorgängen. Dabei gelingen ihm en passant und doch ganz zwingend beeindruckende Bilder, die diesem Krimi ihren ganz eigenen Stempel aufdrücken - und "Sturm" zwar in die Nähe eines richtig guten Costa-Gavras rücken, aber doch nie dem Verdacht des Gutmenschentums aussetzt. Leicht macht es sich der Film und seinen Figuren nicht: Staatsanwältin Hannah Maynard wird im Verlauf ihrer Arbeit von ihren Zeugen im Stich gelassen, von ihrem Vorgesetzten enttäuscht, von ihrem Geliebten betrogen, vom Gerichtshof unter Druck gesetzt, von ihren Gegnern bedroht. Bis ihr als einzige Verbündete eine junge Frau aus der Republika Srpska bleibt, die von Soldaten Durics vergewaltigt wurde und nun ihr neues Leben in Deutschland und ihre Familie aufs Spiel setzt, um doch noch gegen ihren einstigen Peiniger auszusagen. Diese junge Frau - gespielt von der überragenden Anamaria Marinca aus "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" - wiederum muss Maynard verraten, will sie nicht riskieren, dass Duric ungeschoren davonkommt.
Schmid erspart sich jegliche Melodramatik, deckt dabei aber auf, wie moderne Justiz funktioniert: Für Ergebnisse, wie unbedeutend sie auch sein mögen, werden eben auch Kollateralschäden hingenommen. Womit man wieder ganz nah bei "The International" ist, dem anderen Meisterwerk der ersten Tage auf der Berlinale. ts.
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