Weder Komödie noch Tragödie und schon gar kein Liebesfilm - und doch genau darum geht's bei Alexis Dos Santos musikgetriebener Coming-of-Age-Variante.
Wie Flipperkugeln trudeln sie durchs Leben, die Helden von "London Nights", der im Original treffender "Unmade Beds", "ungemachte Betten", heißt. Denn primär ist Chaos angesagt, innerlich wie äußerlich. Späte Teens und frühe Twens bevölkern bei Alexis Dos Santos die Leinwand, es herrscht ein babylonisches Sprachgewirr und auch eine klare Erzählstruktur bzw. einen stringenten Spannungsbogen sucht man vergebens.
Was System besitzt, will der Film doch ein Lebensgefühl vermitteln, vom coming of age erzählen. Im Mittelpunkt der Handlung steht Axl (naiv-sympathisch: Fernando Tielve), ein wuschelköpfiger Spanier, der in der Metropole nach seinem Vater sucht. Abends steht er in Musikkneipen herum, trinkt ein Pint nach dem anderen und morgens wacht er in irgendwelchen Betten auf - mal zu zweit, mal zu dritt. "Wie viele Leute wohnen eigentlich hier?" fragt er einen seiner Gastgeber. "Ich weiß nicht. Das wechselt", antwortet der.
(Ost-)London, das genauso Barcelona, New York oder Tel Aviv sein könnte, swingt wieder. Niemand scheint einer festen Beschäftigung nachzugehen. Man dreht in der eigenen Wohnung Musikvideos, träumt davon, am Fallschirm der Erde entgegen zu sausen, oder ist wie die attraktive Belgierin Vera (somnambul: Déborah Francois) auf der Flucht vor einer alten Beziehung. Das hindert sie nicht, rotweinumnebelt mit dem "Röntgen-Mann" im Hotel zu landen. Bedingung: Keine Telefonnummern sollen ausgetauscht werden, Verabredungen geschehen von Date zu Date. Aber so einfach ist das mit der Liebe bekanntlich nicht.
Autor und Regisseur Dos Santos ("Glue") hat sein Generationenporträt mit unglaublicher Beiläufigkeit in Szene gesetzt. Die Dialoge wirken über weite Strecken improvisiert, die nervöse (Hand-)Kamera (HD & Super 8) des "Dogmatikers" Jakob Ihre ("Eine Familie") ist hautnah dran am Geschehen. Gibt es im Film eine Konstante, eine treibende Kraft, dann ist das die Musik - Electro Pop ((Wer Are) Performance), Electric Blues (Connan Mockasins) oder Gesang und Gitarre (Plaster of Paris), meist live und laut in diversen Clubs dargeboten.
"Die Musik gefällt mir" betont Axl stets, ansonsten lautet der am häufigsten geäußerte Satz: "Ich weiß nicht". Von durchorganisierten Bachelor- und Master-Studenten ist hier wohltuend wenig zu sehen, eine gewisse Perspektivlosigkeit herrscht, aber der Lust am Leben tut dies keinen Abbruch - denn auch sich und alles andere dem Zufall zu überlassen, kann eine Entscheidung sein. Wie auch die von Axl, sich dem Vater nicht zu erkennen zu geben. Der, schlipstragender Makler, verheiratet, zwei Töchter, würde ihn wahrscheinlich ohnehin nicht verstehen. Und schreiend aus dem Flugzeug springen, würde er schon gar nicht. geh.
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