Sozialrealistisches Naturabenteuer nach dem wahren Fall eines Jungen, der zwölf Jahre allein in der Wildnis überlebte und von Wölfen versorgt wurde.
Bevor er sich dem Spielfilm zuwandte ("14 Kilometer - Auf der Suche nach dem Glück"), arbeitete der Spanier Gerardo Olivares lange Zeit als Dokumentarfilmer. Diese Prägung bleibt spürbar, wenn er sich dem Leben von Marcos Rodriguez Pantoja widmet, der als Kind 1954 von seinem Vater an einen Gutsherrn verkauft wurde, der ihn in der Wildnis Ziegen hüten ließ und dann dort vergaß - für zwölf Jahre.
Im Stile italienischer Hirtenfilme und des sozialkritischem Neorealismus, dem eine lyrische Landschaft gegenübersteht - gedreht wurde im geschütztem Naturpark Sierra de Cardeña-Montoro in Andalusien -, entfaltet sich eine Welt, in der Kinder von ihren Schutzbefohlenen benutzt, ausgebeutet und alleingelassen werden. Weil Wölfe einige Ziegen gerissen haben, für die Marcos und sein Bruder verantwortlich waren, verkauft ihn der Vater an dessen Gutsherrn, um die Schulden zu begleichen. Der schickt den Siebenjährigen in die bergige Wildnis zu einem wortkargen alten Ziegenhirten (anrührend: Sancho Gracia), bei dem der stets schikanierte und von der Angst vor Wölfen gepeinigte Junge erstmals Zuneigung und Güte erfährt. Kaum hat sich eine Freundschaft entwickelt, erkrankt sein Mentor und stirbt - fortan muss Marcos fernab der Zivilisation um sein Überleben kämpfen. Ausgerechnet ein junger Wolf bewahrt ihn vor dem sicheren Hungertod, bis der Junge die Überlebenstechniken beherrscht. Zwölf Jahre wächst er im Tal der Stille heran, bis wieder Menschen die Idylle stören.
Es ist zwar eine Kindheitsgeschichte, aber ganz sicher kein Kinderfilm, den Olivares zunächst mit genauem Blick für bittere Armut und Ungerechtigkeit in bewegenden Kapiteln des Leidens und Ausgegrenztseins erzählt. Was Menschen ihm verweigern, findet Marcos in der Natur: Schutz, Geborgenheit, Freundschaft, Fürsorge - mehr Kritik an einer mitleidlosen Gesellschaft geht kaum. Aus der sozialrealistischen Studie schält sich ein Wild-Life-Drama, das die gesamte Tierwelt der Region vorstellt und dabei den halben Weg zum Walt-Disney-Tierabenteuer einschlägt, aber dramaturgisch sein Potenzial nicht ganz ausreizt. Olivares pendelt zwischen Naturalismus und Rührseligkeit, kann aber auf die Authentizität des Falls bauen, mit herrlicher Landschaftskulisse und Tieraufnahmen punkten und dem Pfund einer sehnsuchtsvollen Innigkeit zwischen Mensch und Wolf wuchern. tk.