In seinem etwas anderen Roadmovie fรคhrt Jafar Panahi durch Teheran, lauscht den Fahrgรคsten und wird dafรผr zu Recht mit dem Goldenen Bรคren belohnt.
Der Goldene Bรคr der 65. Berlinale ging an den iranischen Filmemachers Jafar Panahi, der an der Spree bereits fรผr "Pardรฉ" (2013) einen Silbernen Bรคren und fรผr "Offside" (2006) den Groรen Preis der Jury entgegennehme durfte. Nicht nur eine gerechte Wahl war der Hauptpreis fรผr das systemkritische, mutige, lebensfrohe und etwas andere Roadmovie "Taxi", sondern auch ein starkes politisches Statement, weil der Regisseur aufgrund seines Berufsverbots und einer bereits verhรคngten, (noch?) ausgesetzten sechsjรคhrigen Haftstrafe sein Heimatland nicht verlassen darf. Er hat seinen Film (wieder einmal) illegal und ohne groรen Aufwand gedreht - was sich in der Optik unwesentlich niederschlรคgt - und dann aus dem Land schmuggeln lassen.
Wohl nur zwei digitale Kameras hat er eingesetzt, mit einer blickt Panahi in den Fahrgastraum, im Gegenschuss sieht man ihn - er selbst fungiert als Chauffeur - und die Straรe davor. Zunรคchst steht der Wagen still. Passanten hasten vorbei, Ampeln und alle Art Transportmittel sind im Bild. Eine alltรคgliche Straรenszene, die sich so รผberall abspielen kรถnnte. Dann steigen die Fahrgรคste ein und die Dinge geraten in Bewegung. Ein Passagier erzรคhlt von einem Bekannten, dessen Autoreifen gestohlen wurden - der Mann fordert fรผr den Dieb die Todesstrafe - als Abschreckung. Eine Frau, die inzwischen zugestiegen ist, widerspricht heftig, eine Lehrerin. "Natรผrlich!", entfรคhrt es dem Mann, der sich bald um Kopf und Kragen redet. Zwei alte Damen mit einem Goldfischglas nehmen Platz, auch Panahis altkluge Nichte Hana, die als Schulprojekt einen "zeigbaren" islamischen Film drehen soll. Aber was ist das, will sie vom Onkel wissen.
Elegant, mรผhelos und hellsichtig erzรคhlt das Drama vom schwierigen Alltag in Teheran. Was ist gestellt, was ist echt? Die Grenzen sind flieรend. Einen Querschnitt der Gesellschaft reprรคsentiert das runde Dutzend Fahrgรคste, wirtschaftliche Nรถte kommen zur Sprache, von steigenden Verbrechenszahlen wird berichtet. Dabei verliert Panahi nie seinen Humor, erweist sich als wahrer Menschenfreund. Trotz seiner Kappe wird er von einem fliegenden DVD-Hรคndler namens Omid erkannt. Er hat den Meister doch einst mit dem neuesten Woody Allen und dem damals aktuellen Autorenfilm des Tรผrken Nuri Bilge Ceylan versorgt. Kein Wunder, dass das kleinwรผchsige Energiebรผndel kurz darauf gegenรผber Kunden keck behauptet, Jafars neuer Partner zu sein.
Komรถdie, Slapstick, (Polit-)Krimi und Sozialdrama, spielerisch, flieรend vereint Panahi all diese Genres. Eine alte Freundin, eine Menschenrechtsanwรคltin, lรคsst er zu Wort kommen. Er selbst erzรคhlt - en passant -, dass er immer wieder die Stimme seines Folterers zu hรถren meint. Gesehen hat er ihn wegen seiner Augenbinde nie, ein erschreckender Moment, in dem man um Panafi bangt, versteht, warum ihn die Mรคchtigen fรผrchten und er im Abspann konsequent nur sich selbst nennt. Ein kluger, bewegender und unterhaltsamer Film - mit einer tiefschwarzen Schlusspointe. geh.