Ray Lawrence ist ein Enigma: 1985 dreht er mit "Bliss" einen der couragiertesten, frechsten und lyrischsten Filme des Neuen Australischen Kinos. Die Geschichte eines Familienvaters, der nach einem Herzstillstand sein oberflächliches Leben verändert, im Regenwald Imker wird und am Ende, als sich verflüchtigende Seele, von den Blättern der Bäume eingeatmet wird. 16 Jahre später dreht der Werbeprofi mit "Lantana" den Nachfolger, der wieder um Leere, Liebe und Erneuerung kreist, siebenmal mit dem wichtigsten australischen Filmpreis ausgezeichnet wurde und in diesem Kinojahr zu den schönsten und reifsten Arthouse-Angeboten zählt.
Als Psychothriller angekündigt, bedient diese zum Teil mit deutschem Geld finanzierte Adaption eines Theaterstücks das Genre nur am Rande. Es gibt zwei Leichen, einen unaufgeklärten Mord, Menschen, die scheinbar spurlos verschwinden und Situationen subtil inszenierten Unbehagens. Das eigentliche Interesse des Films aber gilt einem anderen Mysterium: der Liebe und ihrer Zerstörung gerade auch durch die Lüge. Drei Beziehungen stehen im Vordergrund, und für jede einzelne Person interessiert sich der Film, nimmt sich viel Zeit für die Beobachtung seiner Figuren und deren Entwicklung. Geradezu lethargisch ist anfangs das Tempo, korrespondiert mit dem Stillstand, der im Leben zentraler Charaktere eingetreten ist. Wenn diese dann ihren Platz eingenommen haben und komplexe Dynamik entsteht, entwickelt sich ein dramatischer Sog, bis sich die Spannung aus den Konflikten und der kriminalistischen Ebene entlädt. Hauptfigur Leon (Anthony LaPaglia, Australiens Antwort auf Alec Baldwin), ist Cop und wie der Protagonist aus "Bliss" vom Leben ermüdet und reif für eine Erneuerung. Er betrügt seine Frau, die Hilfe bei einer Therapeutin (Barbara Hershey) sucht, die selbst solche nötig hätte. Denn auch ihre Ehe mit John (Geoffrey Rush) ist am Ende, seit die gemeinsame Tochter ermordet wurde. Als sie eines Nachts nach einer Autopanne spurlos im Regenwald verschwindet, leitet LaPaglia die Ermittlungen. Die Spur führt zu einem anderen Paar, das als einziges in diesem Film kein Leben in Lüge, sondern in Vertrauen lebt. Was für die Auflösung des Thriller-Elements nicht folgenlos bleibt. Genau beobachtet ist jede dieser Beziehungen, nachvollziehbar die Defizite, Verhaltensmotive und Fehler, die gemacht werden. Spektakulär für Millionen ist nichts daran, weshalb "Lantana" kommerziell wohl Minderheitenkino ist. Das aber kann man nicht nur tolerieren, sondern auch aufrichtig bewundern. kob.
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