Philipp Stölzl verfilmt Stefan Zweigs "Schachnovelle" neu. Und macht mit zwei der aktuell renommiertesten, deutschen Schauspielern ein intensives, packendes Kinoerlebnis daraus, das siebenfach Lola-nominiert wurde und fürs Kostümbild ausgezeichnet wurde.
Der mit "Medicus" erfolgreiche und für seine publikumswirksamen Operninszenierungen bekannte Stölzl macht mit Hilfe aller, auf höchstem Niveau agierenden Gewerke aus einem Kammerspiel, einem Schachspiel, das zu großen Teilen in einem Hotelzimmer bzw. im Kopf stattfindet, große Oper, einen hochspannenden Psychothriller, der in seinen Mitteln auch Horrorthriller, ein Hauch Film Noir und Melodram zum größtmöglichen Effekt nutzt.
Erzählt wird ein Duell des Intellekts, der Psyche, in dem ein Wiener Notar, Bohemien und Bildungsbürger um seinen Verstand, sein Überleben kämpft und Widerstand leisten will, gegen einen hochgebildeten Gestapomann, der ihn foltern lässt, um Zugang zu den von ihm verwalteten Konten zu bekommen. Ein Duell, das auf dem Schachbrett ausgetragen wird, das in den Eingangsbildern in Großaufnahme gezeigt wird zu einem Sound, das Schiffsmotorengeräusche und zitternde Glühbirnen zu einem verstörenden Klangteppich kombiniert, und damit die Stimmung setzt - und nebenbei die Hauptschauplätze Hotel und Schiff kunstvoll verbindet.
Immer wieder in Großaufnahme zu sehen ist das Gesicht, sind die zitternden Hände von Oliver Masuccis Doktor Bartok, die schon alleine Angst und Verzweiflung seiner Figur spiegeln, der sich das Publikum nicht entziehen kann. Dazu braucht es die vereinzelten Szenen physischer Folter nicht. "Schachnovelle" ist ein weiteres Bravourstück von Masucci, der den Bayerischen Filmpreis für seine Leistung hier und in Enfant terrible" erhielt. Mit dem ehemaligen doppelten Lola-Gewinner Albrecht Schuch in einer seiner Figur entsprechenden, zurückgenommenen Darstellung als Antagonist glänzt ein weiterer großer Schauspielkünstler.
Schräge Winkel, Spiel mit Schatten, Schärfe und Unschärfe, die Macher finden eindrückliche Bilder für Bartoks Gefühl- und Geisteszustand. Das Thema der Odyssee ist in Homers von Bartok immer wieder zitierten Worten über den Namen des Dampfers, das in die Freiheit nach Amerika unterwegs ist, und in kleinen Details im Tapetenmuster gegenwärtig. Die Dialoge sind geschliffen, auf den Punkt. Die Kontraste in Optik, Gefühl und Stimmung werden nach allen Regeln der Kunst herausgearbeitet: Wenn Bartok ziemlich am Anfang im strahlend weißen, perfekt sitzenden Maßhemd mit seiner Frau Walzer tanzend durch den prunkvoll erleuchteten Ballsaal wirbelt und später auf dem dreckigen Boden des Badezimmers seines Hotel- bzw. Kerkerzimmers kauert und mit aus Brotkrumen geformten Schachfiguren spielt - der Hemdkragen ist schmutzigbraun, die Haut aschfahl.
Der Film, für den neben Masucci auch die Produzenten Tobias Walker und Philipp Worm beim Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurden, wurde siebenfach beim Deutschen Filmpreis nominiert, als Bester Film, für Kostüm-, Masken- und Szenenbild, Tondesign und visuelle Effekte und für die Beste Nebendarstellerin, Birgit Minichmayr als Bartoks Frau. Tanja Hausner wurde schließlich für ihr Kostümbild ausgezeichnet. Aber auch die Kameraarbeit von Thomas W Kiennast ist beeindruckend und das Ensemble ist bis in die kleineren Nebenrollen stark besetzt mit u.a. Andreas Lust als furchterregender Gestapomann fürs Grobe oder Rolf Lassgard als geldiger Schachfan auf dem Schiff, dessen Welt in einer andere Art von surreal gezeichnet ist.
"Schachnovelle" erzählt ein Gefängnisdrama wie Stephen King und Schachspiel so mitreißend wie zuletzt Damengambit". Spielt Elizabeth in "Damengambit" Schach, um der tristen Realität als Waise zu entfliehen und sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen, sich in einer Männerwelt zu emanzipieren, gelingt auch Bartok die Flucht vor der tristen Realität, erträgt die Folter. Auch er wird zum Gewinner des Spiels, zahlt aber einen ungleich höheren Preis.
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