Der Zauber von Kairo liegt über einer interkulturellen romantischen Begegnung, bei der nicht nur die fabelhafte Patricia Clarkson das Flair der Stadt genießt.
Diplomatengattin Juliette, von der oft unterschätzten Clarkson mit feinen Nuancen gespielt, erlebt in der flirrend exotischen Metropole Kairo einen zweiten Frühling. Zunächst aber landet die Modejournalistin, deren Kinder das Nest verlassen haben, im goldenen Käfig eines Luxushotels, wo sie auf Godot, vielmehr ihren Mann Mark wartet, der für die UN im Gaza-Streifen arbeitet und sie telefonisch tagelang vertröstet. Aber sie bewohnt ein Zimmer mit Aussicht und bevor sie - lost in translation - den Verstand verliert, erkundet sie zunächst auf eigene Faust recht unbedarft die lärmende City und erlebt einen moderaten islamischen Kulturschock.
Marks ehemaliger Sicherheitsoffizier, der alleinstehende Tareq (Clarkson absolut ebenbürtig: Alexander Siddig aus "Königreich der Himmel"), leistet ihr Gesellschaft, zeigt ihr die Geheimnisse der Stadt, durch die sie gemeinsam zu hinreißender Piano-Musik flanieren und das Flair von Land und Leuten in großen Zügen aus der Wasserpfeife aufsaugen. Und bald trinken sie gemeinsam Tee im Harem des Archimedes, überwinden gelassen ihre kulturellen und religiösen Differenzen, parlieren über sich, Liebe und Glück. Vieles schwingt mit, klingt nur leise an. Auch der Nahostkonflikt, das Schicksal der Frauen in einer misogynen Gesellschaft. Aber hier werden (lange vor dem arabischen Frühling) keine hochdringlichen Thesen doziert. Das Subtile - und das Sublime - dürfen sich ungestört entfalten.
Die kanadisch-syrische Regisseurin Ruba Nadda rückt nach "Sabah" wieder eine Frau ins Zentrum einer interkulturellen Liebelei, die sich durch die Hintertür einschleicht und als platonische Träumerei durchaus "Before Sunrise" für reifere Jahrgänge ähnelt. Ganz touristisch-folkloristisch und doch privat erkundet Nadda schöne, ungekünstelte Stimmungslagen, die in einem langsamen, sanften Fluss dahintreiben. Kairo sei ein schmutziges Chaos, das nicht einmal für Touristen aufgeräumt wird, heißt es an einer Stelle. Dennoch: Mehr Liebeserklärung an eine Stadt, die zweifelsfrei die dritte Hauptrolle spielt, geht nicht. Mit leisem Charme durchstreift der wunderbar hypnotische Film Moscheen, Bazare, die Altstadt wie die angrenzende Wüste, bis zum Ende die Pyramiden nicht nur die Geduld der Protagonistin belohnen. Ein hochatmosphärisches Portrait von Kultur und Menschen, zugleich eine fragile Romanze, die weder zu heiter noch zu melancholisch ausfällt und mit einem bittersüßen Ende ihre Reife abermals unterstreicht.
tk.
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