Mit "Everyone Says I Love You" könnte Woody Allen den bildungs- und herkunftsunabhängigen Crossover in den regenbogenbreiten Mainstream schaffen, der seinem Humor in den letzten zehn Jahren weitestgehend versagt geblieben ist. Dieses schräge, schrille, schicke und schrullige Musical des Humor-Veteranen mit zahlreichen alten und jungen Stars hat das Zeug zum Kult-Phänomen.
Mit großen Altstars wie Goldie Hawn und Alan Alda, bewährtem Nachwuchs wie Julia Roberts, Tim Roth und Drew Barrymore, Mitglieder der neuesten Talentriege wie Ed Norton ("Zwielicht") und Nathalie Portman ("Leon - Der Profi") sowie charmanten Jungstars wie Gaby Hoffman ("Schlaflos in Seattle") und Natasha Lyonne ("Dennis") bietet Ensemble-Anführer Allen einen Schauspielreigen erster Güte für sein spritziges Musical-Debüt auf. Daß der vierfache Oscar-Gewinner (22 Nominierungen!) eine solche Besetzungsliste zusammenbekommt, kann an sich schon beeindrucken; daß der bunte Mimen-Haufen bei jeder Gelegenheit in irrwitzige Gesangs- und Tanzeinlagen ausbricht, verschlug bei der Premiere in Los Angeles vielen Zuschauern glattweg die Sprache. Diese Wirkung von Allens 26. Film in fast 30 Jahren auf das wohl abgebrühteste Publikum der Welt deutet an, welch besonder Coup ihm mit "Everyone Says I Love You" gelungen ist. Gleich der Einstieg, in dem der Shooting Star 1996 Ed Norton (der Richard Gere in "Zwielicht" das Fürchten lehrte und jetzt Woody Harrelson in "Larry Flynt - Die nackte Wahrheit" die Leviten liest) und Skandalnudel Drew Barrymore beim Spaziergang durch Manhattans Upper East Side Gershwin-artige Chansons trällern, läßt kein Auge trocken. Hat man sich gerade erholt von diesem bizarren Schauspiel, geben ebenso unerwartet Leinwand-Idole wie Goldie Hawn, Julia Roberts, Allen selbst und - die Krönung! - Tim Roth in bewährter Ganoven-Rolle jazzige Gassenhauer zu leichtfüßigen Tanzschritten von sich. Fast jede dieser Einlagen ist eine Film-Sternstunde für sich.
Mit der so vertonten Geschichte einer ebenso reichen wie durchgedrehten New Yorker Großfamilie geht Allen offensiv alle Punkte an, die ihm in den vergangenen Jahren zur Last gelegt wurden. Anstatt sich der Kritik zu beugen, seine Protagonisten seien zu weiß, zu reich, zu selbstbezogen und zu neurotisch, hat er sogar seine legendäre Reiseunlust beiseite geworfen und seine vollends egozentrierten New Yorker, zahlreicher als je zuvor, diesmal nach Paris und Venedig geschickt, wo sie sich umso mehr in Allenschen Verirrungen und Verwirrungen tummeln. In dem Maße, in dem der König der komödiantischen Monothematik hier seine neurotischen Seifenblasen auf die Spitze treibt und mit einer nie dagewesenen Dosis Absurdität kräftig pfeffert, treibt er jegliche Woody-Allen-Müdigkeit aus, die in den langen Jahren seit und zwischen Höhepunkten wie "Stadtneurotiker" und "Hannah und ihre Schwestern" selbst bei seinen zahlreichen Fans weltweit unweigerlich entstanden ist: "Everyone Says I Love You" ist eine Verjüngungskur, die wie ein Destillat der besten Momente aus Allen-Juwelen wie "Zelig", "Broadway Danny Rose", "Purple Rose of Cairo" und "Verbrechen und andere Kleinigkeiten" daherkommt. Lief er zuletzt kreativ wieder erstarkt mit "Bullets Over Broadway" und "Geliebte Aphrodite" an der Kasse leider nur zögerlich zu alter Form auf, liefert er nun mit "Everyone Says I Love You" Höchstform und Kür auf einmal. Für die Einschätzung der möglichen Besucherzahlen sollten deshalb nur seine besten Ergebnisse herangezogen werden. dd.