Bei Benoit Jacquot erfährt der Marquis de Sade fast Denkmalverehrung, ist Atheist, Anarchist, Frauenheld und erotischer Ratgeber. Bei Philip Kaufman ist der umstrittene Lustquäler in seinen Sympathiewerten deutlich reduziert, als unbeugsamer Geist, als Rebell gegen Zensur und Bigotterie aber eine unverändert interessante Kinofigur, die ohne Rücksicht auf sich und andere um die Freiheit der Gedanken kämpft. Trotz der Präsenz von "Titanic"-Star Kate Winslet ist die kommerzielle Auswertung des düsteren "Quills" eine Herausforderung, aber für Anhänger ambitionierter Themenfilme deutlich mehr Lust als Qual.
Wie schon "Sade" wagt sich auch "Quills" kaum an die Inhalte der Schriften, sondern konzentriert sich auf die Persönlichkeit des Verfassers, auch wenn der rabenschwarze Beginn brillant mit der Lust am Schmerz kokettiert. Die bebende Erregung einer Frau entpuppt sich als Ouvertüre des Grauens, in der 1794 neben vielen anderen auch ihr Kopf rollen wird. Nach diesem Prolog schreitet das von Doug Wright nach seinem Theaterstück verfasste Drehbuch viele Jahre in Sades Biographie weiter, verfolgt seine letzten Tage in einer Anstalt für Geisteskranke, in der der Geist des Marquis (Oscarpreisträger Geoffrey Rush aus "Shine") um seine Freiheit kämpft. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Sade dabei vorgeht, spiegelt seine Lehre vom grenzenlosen Egoismus und wird seine beiden engsten Vertrauten in Wahn und Tod stürzen. Zum einen den Anstaltsleiter, Abbé Coulmier (Joaquin Phoenix, so überzeugend zerrissen wie noch verschlagen in "Gladiator"), der ihm trotz des Verbots seiner Schriften Papier und Schreibfedern (engl: quills) zur Verfügung stellt - zum anderen das Dienstmädchen Madeleine (sinnlich und ausdrucksstark: Kate Winslet), das heimlich die Manuskripte zu einem Boten von Sades Verleger schmuggelt. Die Enttarnung der Heuchelei und die Befreiung der Sexualität von den Verboten durch Moral und Kirche ist eines der zentralen Anliegen von Regisseur Kaufman, der sieben Jahre nach seinem Mainstream-Ausflug ("Die Wiege der Sonne") wieder das Territorium seines kontroversen "Henry & June" betritt, mit dem er in Amerika selbst ein Opfer der Zensur wurde. Eine kleine provokative Anspielung auf den damaligen Stein des Anstoßes lässt sich der 64-jährige durch zwei Porzellanfiguren nicht nehmen, entlarvt darüber hinaus Sades Feind, Napoleons Beauftragten (Michael Caine nach dem großen Herz von "Gottes Werk und Teufels Beitrag" pures Gift), selbst als größten Sadisten und Ausbeuter der Unschuld, illustriert den Gewissenskampf des Geistlichen und befreit dessen geknebelte Seele in der provokativsten Szene des Films auf dem kirchlichen Altar mit einem nekrophilen Akt. Wer Skandalöses oder Spekulatives von "Quills" erwartet, wird trotz einer solchen Traumsequenz nicht fündig werden. Entblößt ist hier vornehmlich de Sade, der ohne das Schreiben verkümmert, sich aber bis zu seinem Tod nicht beugen lässt und - als schlimmster Ausdruck persönlicher Nacktheit - sogar einmal Mitgefühl zeigen muss. kob.