Die Gruselwelle rollt und rollt und rollt. Nach den sensationellen Erfolgen von "The Blair Witch Project" und "The Sixth Sense" steht eine ganze Armee von รผbernatรผrlichen Thrillern Gewehr bei Fuร, Lichtspielhรคuser in Geisterbahnen zu verwandeln. Einer davon ist die unverhohlene "Exorzist"-Imitation "Stigmata", in der Patricia Arquette ("Lost Highway") als partyfreudige Friseuse plรถtzlich die Wundmale Christi an ihrem Kรถrper trรคgt und damรถnisch besessen wird.
Der obligatorische Prolog von fernen Landen, in denen das Unheil generell seinen Ausgang nimmt, zeigt eine Kirche in Brasilien, in der eine Marienstatue Trรคnen von Blut vergieรt. Die Brรผcke nach Pittsburgh zur lebenslustigen Friseuse Frankie Page wird geschlagen, als sie einen Rosenkranz aus just jenem Gotteshaus von ihrer reisenden Mutter zugeschickt bekommt. Wรคhrend sich Frankie in ihrem weitrรคumigen, mit unzรคhligen Kerzen stimmig beleuchteten Apartment in der Badewanne entspannt, wird sie plรถtzlich von einer unsichtbaren Macht gebeutelt und zu bruchstรผckhaften Aufnahmen eines Kreuzigungsrituals werden ihre Handgelenke durchlรถchert. Fortan geht es mit ihrem sozialen Status und ihrer Gesundheit rapide bergab, ihre Kollegen und Freunde distanzieren sich von der "suiziden Epileptikerin". Wenig spรคter erfรคhrt Frankie weitere Wundmale. Sie wird in der U-Bahn ausgepeitscht und in der Disco wird ihr mit bluttriefendem Ergebnis eine unsichtbare Dornenkrone aufgesetzt. Inzwischen wurde vom Vatikan der Priester und Wissenschaftler Vater Andrew Kiernan (Gabriel Byrne spielt in "End of Days" in Kรผrze auf der Gegenseite mit) zur Untersuchung vor Ort geschickt. Ab der ersten Einstellung beginnt es zwischen Frankie und dem Geistlichen emotional und erotisch zu knistern. Darรผberhinaus wird die bedauernswerte Heroine von scheinbar mehreren Wesenheiten besessen, von denen sich eine als Bote eines verstorbenen Priesters entpuppt, der ein verschollenes Manuskript Jesus' รผbersetzt hatte. Womit sich der Besessenheitsschocker auch noch zum "Der Name der Rose"-รคhnlichen Kirchenkonspirationsthriller ausweitet, der dem Zuschauer mit seiner recht einfachen Botschaft weismachen will, daร damit die Grundfeste der katholischen Kirche erschรผttert werden kรถnnten.
Arquette schlรคgt sich in ihrer Rolle recht tapfer und auch der zuverlรคssige Byrne lรครt sich selbst bei albernen Momenten nicht aus der Fassung bringen. Doch Regisseur Rufus Wainwright ("The Sadness of Sex") ist eine gewisse Unerfahrenheit in Sachen Dramaturgie und Spannungsbogen anzumerken. Er verdiente sich seine Meriten mit dem Inszenieren von Werbespots und Musikvideoclips. So kreiert er viele visuell faszinierend symboltrรคchtige Bildkompositionen, die aneinandergereiht und unterlegt von einem oftmals stark in den Vordergrund tretenden Soundtrack den Vergleich zum abendfรผllenden Musikvideo aufdrรคngen. Fรผr die Musik zeichnet Smashing-Pumpkins-Frontmann Billy Corgan verantwortlich, der sich fรผr seine von atmosphรคrisch bis schrill reichenden Klangkompositionen wohl ein wenig von Trent Reznors "Lost Highway"-Kompositionen inspirieren lieร. Beim Drehbuch von Tom Lazarus und Rick Ramage verhรคlt es sich in punkto Originalitรคt รคhnlich. Sie greifen auf eine Vielzahl von religiรถsen Motiven (en masse werden Kerzen, Kruzifixe, Kelche, weiรe Tauben, Blut- und Wassertropfen, Flammen und Heiligenstatuen zum Einsatz gebracht) und bewรคhrten Horrorstandards (selbst "Wenn die Gondeln Trauer tragen" erfรคhrt eine Referenz) zurรผck, die ein wenig unverstรคndlich und teils unfreiwillig komisch zu einem prรคteniรถsen Klischee-Kaleideskop vermischt wurden. Die Rechnung scheint dennoch aufzugehen: Mit 19,3 Mio. Dollar Einspiel am ersten Wochenende ist "Stigmata" der vierte Gruselschocker in Folge, der fรผr Furore sorgt. ara.