Nach dem Blutfest "Long Riders" und dem Indianerepos "Geronimo" stellt sich der renommierte Action-Regisseur Walter Hill ("Nur 48 Stunden") mit dem stark stilisierten, etwas sperrigen Arthouse-Western "Wild Bill" zum dritten Mal dem Mythos des Wilden Westen. Fรผr sein Drehbuch dient ihm der legendรคre Revolverheld James Butler Hickock, besser bekannt als "Wild Bill" (Jeff Bridges), als romantisch-rauhbeinige Symbolfigur. Daร dieser zu Recht seinen Spitznamen trug, wird mit der 20minรผtigen Einleitung skizziert, die die diversen Shootouts der treffsicheren Westerngrรถรe in einer Aneinanderreihung von grobkรถrnigen Schwarzweiร-Episoden zeigt. Seine Opfer umfassen rowdyhafte Rรผpel, die sich durchaus in einem Peckinpah-Western hรคtten tummeln kรถnnen, einen verbitterten Krรผppel (Bruce Dern) und sonstige Subjekte, die es wagen, Bills Hut zu berรผhren. Erzรคhlt wird die schwermรผtig-ambivalente Story aus der Perspektive von Bills Freund Charley (John Hurt), einem dandyhaften Englรคnder. Seine letzten Tage verbringt die lebende Legende in dem verschlammten Rรคubernest Deadwood, wo der Dreck der Hauptstraรe golden zu glitzern scheint. Bill ist mit seinen 39 Jahren ein zumeist รผbellauniger, ausgebrannter Alkoholiker, der allmรคhlich sein Augenlicht verliert. รber seine verpfuschte Vergangenheit reflektiert er bevorzugt in der รถrtlichen Opiumhรถhle. Er trifft er seine langjรคhrige Freundin Calamity Jane (Ellen Barkin gibt dem historischen Cowgirl eine sexuell angehauchte Note) und das rachsรผchtige Greenhorn Jack McCall (David Arquette). Da Bill vor Jahren dessen Mutter Susanah (Diane Lane liefert eine herausragende Performance) sitzenlieร, will ihm David das langsam verblassende Lebenslicht auspusten. Sepiagetrรคnkten, aus schrรคgem Winkel gefilmten Flashbacks entnimmt man, daร es sich bei Susanah, die gebrochen im Irrenhaus landet, um Bills Liebe seines Lebens handelte. Obwohl Jack nicht Bills Sohn ist, fรผhlt er sich von der Legende verschmรคht. Eine mit glรผhender Vehemenz betriebene Mischung aus Haร und Verehrung treiben ihn schlieรlich zum รuรersten. Jeff Bridges mimt den depressiven Desperado mit verkniffenem Elan, der unweigerlich Erinnungen an Clint Eastwood wachwerden lรครt. Die zahlreichen Nebendarsteller, darunter Keith Carradine als Buffalo Bill und Christina Applegate als miรmutige Prostituierte, verleihen der Western-Charakterstudie die nรถtige Farbe, wenn man auch manchmal das Gefรผhl hat, das einiges Material der Schere zum Opfer fiel, denn mit 97 Minuten Filmlรคnge ist "Wild Bill" ein vergleichsweise knapp gehaltener Schuร in Richtung Westernlegende. Ein kommerzieller Erfolg der Stiefelgrรถรe "Erbarmungslos" dรผrfte dennoch Staubwolken entfernt sein, zu ambivalent und verzweifelt ist die Titelfigur angelegt, fรผr die Hill weder Sympathie noch groรes Interesse wecken kann. ara.